Oskar

Als Oskars Leben sich seinem Ende zuneigte, habe ich nach reiflicher Überlegung eine Einschläferung verworfen und mich stattdessen entschlossen, dem Sterbeprozess seinen natürlichen Lauf zu lassen. Die nötigen Medikamente, um ihn schmerzfrei zu halten, haben wir von der Tierklinik bekommen.

Wir haben ihm ein gemütliches Lager in der Küche bereitet – vor dem Ofen, wo er auch sonst vorzugsweise gelegen hat. Von dort aus konnte ich ihn leicht nach draußen bringen beziehungsweise tragen und der Steinboden verzeiht Malheure, aber viel wichtiger war mir, dass wir unsere Zeit so verbringen konnten, wie immer: Ich bei der (Küchen)arbeit und er dabei und mittendrin. Zwischendurch hab ich mich immer mal zu ihm gelegt, mit ihm gekuschelt und ihm was erzählt, aber die meiste Zeit war tatsächlich alles wie immer. Nur die Essensvorbereitungen und das Einräumen der Spülmaschine haben ihn nicht mehr interessiert.

Mein zuverlässig verfressener Hund hat nur noch sporadisch Lust gehabt, etwas zu essen, da konnte ich ihm noch so ausgewählte Leckereien anbieten. Ein paar Tage lang habe ich ihm winzige Bröckchen einzeln angereicht, dann wollte er auch das nicht mehr. Bis zu dem Moment, wo er plötzlich eine beinahe normal große Portion Fleisch verspeisen mochte und ich die Wende zum Guten schon gekommen sah. Heute weiß ich, dass dieses letzte „Aufblühen“ zum Sterben dazugehört.

Getrunken hat er noch lange und als auch das schwierig wurde, habe ich ihm das Wasser tröpfchenweise mit einer Spritze gegeben. Wenn er mich denn gelassen hat: Zuweilen hat er meine Hand mit seiner Pfote beiseite geschoben – dann wollte er nicht.

Er war vollkommen klar in seinen Entscheidungen, was er wann und was er irgendwann gar nicht mehr wollte.

Eines war ihm bis zuletzt ungeheuer wichtig: Er wollte sich auch noch dann draußen lösen, als er schon nicht mehr stehen konnte. Dabei ist es ihm als Welpe so schwer gefallen, das zu lernen …

Ganz leise und gefasst ist er immer kleiner, immer weniger geworden. Hin und wieder habe ich meine Yogamatte neben ihm ausgerollt um meine Übungen zu absolvieren. Das waren Momente großer Ruhe, die uns beiden gut getan haben.

Während der letzten Nächte habe ich neben ihm geschlafen.

Ich würde sehr gerne erzählen, dass er in meinen Armen gestorben ist, aber so war es nicht.

In der Hoffnung, ihm so das Atmen und das Loslassen ein wenig zu erleichtern, hatte ich vor, ein letztes Mal die Yogamatte neben ihm auszurollen. Leicht wäre mir das nicht gefallen, aber ich hatte bis dahin immer den Eindruck, dass auch er sich dann entspannen konnte. Ich war nur ganz kurz weg. Als ich wiederkam, war Oskar nicht mehr da.

Oskar ist am späten Nachmittag des 24. August 2019 gestorben.

Über seinen Körper werden nun Victor und Freya wachen. Seine Seele, stelle ich mir vor, ist auf dem Weg zu dem herbstlichen Sternbild, das ich mir „Hund“ zu taufen erlaubt habe, weil ich seine Bezeichnung nie herausgefunden habe.
Ich werde ihn jede Nacht sehen können.

Iris

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2 Gedanken zu “Oskar

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