Small world

Mit dem Alter wird Oskars Welt immer kleiner. Und meine mit ihr.

Er kann nicht mehr gut gehen. Schmerzen scheint er nicht zu haben, aber nicht immer wollen seine Beine so wie er. Und an manchen Tagen zieht er es ganz offensichtlich vor, im Bett zu bleiben und vor sich hin zu dösen. An anderen ist er hochmotiviert, trabt hin und wieder oder macht zu Beginn des Spazierganges ein paar Gallopp-Hoppser, die seine früheren explosiven Sprints ersetzen. Dergestalt „ausgetobt“ kommen wir dann irgendwann nur noch in Zeitlupe voran.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob er allmählich blind, dement, oder altersstarrsinnig wird. Oder alles gleichzeitig. Nein … starrsinnig auf jeden Fall! Oder sagen wir „sehr mit seinen eigenen Bedürfnissen beschäftigt“ … und das ist ja auch ganz in Ordnung so.
Hin und wieder steht er einfach da und … ja, was? … ich weiß nicht, was er dann eigentlich tut. Den Horizont mit Hilfe seiner Nase „betrachten“? Wenn er an Terrassenkanten steht und ins Tal blickt, wirkt es so, aber es kommt auch vor, dass er ebenso gedankenverloren in die Holzkiste schaut. Seine Angewohnheit, in die Tiefe zu schauen (bei der es mich schon immer leicht gegruselt hat) in Verbindung mit diesem neuen, oft sehr unsicheren Gang hat mich veranlasst, ihn nach Jahren des Freilaufes nun wieder an Geschirr und Schleppleine zu führen.

Begegnungen mit Major lasse ich nur noch ausnahmsweise zu.
Major kann es nicht leiden, wenn Oskar über seine Liegestellen läuft. Das ist nachvollziehbar, aber unvermeidlich, weil er vorzugsweise vor den Türen liegt, hinter denen wir uns aufhalten. Wann immer das also nötig ist, nehme ich Major aus der Situation – da die beiden Stockwerke des Hauses durch eine Außentreppe verbunden sind …, gefühlte 50 Mal am Tag. Mindestens.
Mein persönliches Highlight: Oskar muss in den frühen Morgenstunden Pipi und Major liegt auf der Treppe und mag nicht einsehen, warum er da jetzt weggehen soll …
Dann klettere über den Patou, hole ein paar Leckerchen aus der Küche und lege mit diesen eine Spur zur nächstgelegenen Kette (um ihn an der Leine wegführen zu können, müsste er aufstehen und genau das will er ja nicht), mache ihn fest, laufe nach oben um Oskar hinauszulassen, begleite ihn beim Pipigang, bringe ihn wieder nach oben, laufe nach unten und mache Major wieder los, laufe wieder nach oben und könnte jetzt zurück ins Bett – bin aber unterdessen wach.
Von diesem Streitpunkt abgesehen ist Major stets ganz entzückt, Oskar zu begegnen. Und geht dem alten Hund mit seinen überschwänglichen Spielangeboten dermaßen auf die Nerven, dass dieser umgehend ins Haus zurückkehren möchte.
Und obwohl ich eine Menge Zeit darein investiert habe, den beiden einen entspannten Umgang miteinander zu ermöglichen: Das tut jetzt nicht mehr not! Jetzt sind die Spaziergänge mit Oskar seine Zeit. Major bekommt seine eigene Zeit mit mir.

Sein Leben lang habe ich entschieden, wo unsere Spaziergänge hin führen und wie lange sie dauern – na gut: abgesehen von unseren weglosen Expeditionen, bei denen ich ohne ihn nicht mehr aus dem Gestrüpp raus gefunden hätte und die dauerten, solange sie eben dauerten …
Jetzt weiß er viel besser als ich, was er sich heute zutraut und ob er überhaupt laufen möchte, also habe ich ihm beigebracht, dass er das entscheiden darf. Er hat das schnell verstanden und macht reichlich Gebrauch davon … Wenn ich mir anschaue, wie klar er in solchen Momenten in seinem Wollen und Nicht-Wollen ist, rückt das Thema Demenz auf eine sehr erleichternde Weise in den Hintergrund. Aber wie mache ich ihm verständlich, dass nicht immer möglich ist, was er will?
Wenn er auf dem Wanderweg ins Tal laufen möchte, müssen wir dort abgeholt werden und man braucht mit dem Auto ähnlich viel Zeit, dort hinzukommen, wie wir zu Fuß …
Bei allem, was kein Rundweg ist, muss ich ihn rechtzeitig Richtung Heimat komplimentieren, damit er die Strecke noch schafft, ohne sich völlig zu verausgaben. Dann steht er da mit einem Gesichtsausdruck, als wolle er „Menno!“ sagen …

Oskar seinerseits hat die Lernerfahrung „ich darf entscheiden!“ mit der gewohnten Geschwindigkeit generalisiert und sogleich um „zackzack!“ erweitert. Wenn ich mich nun noch anziehen möchte, bevor ich ihn morgens nach draußen begleite, werde ich … sagen wir … angefeuert.
Sein Futter bekommt er am späten Nachmittag / frühen Abend, wenn ich sowieso in der Küche zugange bin. Neulich nun habe ich mein Tun dort unterbrochen, um rasch zu duschen und bei meiner Rückkehr einen lauthals krakeelenden Hund vorgefunden, der aber keinesfalls dringend musste, oder sonst ein Problem hatte, sondern einfach fand „Abendessen! JETZT!!!“ …

Am Anfang seines Lebens und meiner Trainerinnen-Karriere, war ich ganz durchdrungen davon, dass ich die Entscheidungen treffe, die Führung übernehme, ihn anleite und für ihn sorge. Und das habe ich nach bestem Wissen und Gewissen all die Jahre lang getan. Ich tue es noch.
Dennoch ist jetzt Oskar derjenige, der den Takt vorgibt.
Und das ist sehr okay so.

Iris

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