Hundetraining „style Durantis“

Mitunter ist es schwierig, mit Hunden zu arbeiten, von denen einer Haus- und Familienhund ist und elfundneunzig Signale beherrscht, während die anderen draußen leben und ihr eigenes Ding machen.
Dass es ganz besondere Leckerchen gibt, wenn man auf ein Flötensignal hin herankommt, wissen alle. Und auch, dass es einen Aussie- und einen Patou-Pfiff gibt. Selbst unsere alte Freya, die das alles lediglich durch Beobachtung gelernt hat, setzt sich nur dann in Bewegung, wenn ich nach Major pfeife. Der seinerseits findet Aussie-Pfiffe ganz und gar überflüssig: Er reagiert zwar nicht darauf, neigt aber neuerdings dazu, Oskar auszubremsen, wenn dieser herankommt. Leckerchen an der Küchentür sind seiner Meinung nach offenbar ein Patou-Privileg …

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Im umgekehrten Falle würde ich Oskar sitzen und bleiben lassen, den anderen Hund zu mir pfeifen und ihn dann anschließend fürstlich für’s Warten belohnen. Sitzen kann Major auch ganz prima, sofern ihm das gerade opportun erscheint, bleiben allerdings müssten wir erst einmal üben und er würde es in diesem Moment auch ganz sicher nicht opportun finden.
Bis das eines schönen Tages klappt, könnte ich ihn an die Kette legen, um nach Oskar zu pfeifen, oder ihn zu rufen (jedenfalls bis er verstanden hat, dass Oskar dann etwas bekommt – also maximal zwei Mal, danach bleibt er fein außerhalb meiner Reichweite), würde damit aber auch Frust generieren. Umständlich wäre es außerdem: Ich müsste ihn zu seinem Ruheplatz bringen und anketten, Oskar ins Haus lassen und dann wieder loslaufen, Major (viel zu spät) belohnen und wieder los machen … Für’s Erste scheint es mir daher sinnvoller, die Situation weniger spektakulär zu gestalten.
In aller Regel kann Oskar problemlos in die Küche kommen, solange ich ihn nicht rufe. Darauf allerdings will ich nicht immer warten, da er seine „Draußenzeit“ weidlich dazu nutzt, auf die Suche nach Fallobst zu gehen … Also sammele ich ihn in der Nähe des Hauses ein und betrete es mit ihm gemeinsam: Das geht – vor allem, wenn wir statt der Küchentür die des Esszimmers benutzen – reibungslos.
Kommt er von sich aus, klappt das umso besser, je weniger Interesse ich an der Frage zeige, ob irgendein Hund sich nähert. Wenn klar ist, dass keiner etwas bekommen wird, gibt es auch keinen Streit.
Wie wichtig Major die ganze Sache findet, hängt augenscheinlich von seiner Tagesform ab: Ist er gerade gut ausgelastet, gibt er den souveränen Erwachsenen, den die Aktivitäten kleiner bunter Hunde nicht interessieren. Langweilt er sich jedoch, oder macht ihm die Pubertät zu schaffen, benimmt er sich dementsprechend.
Außerdem, so scheint es, gilt auch hier das Prinzip „wer hat, der hat“: Gelingt es ihm, sich zwischen Oskar und der Tür zu positionieren, lässt er ihn nicht weiterlaufen. Hat Oskar ihm dagegen ein Schnippchen geschlagen und ist als erster an der Tür, setzt er ihm brüllend nach, um dann … nichts zu tun. Erst wenn die Tür zwischen den beiden geschlossen ist, haben sie sich unter Umständen noch „etwas zu sagen“.

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Eigentlich haben die beiden nicht sonderlich viel miteinander zu tun … Im Interesse beider (und auch in meinem eigenen!) möchte ich jedoch, dass solche angespannten Begegnungen nur einen möglichst kleinen Teil ihrer gemeinsamen Zeit ausmachen, daher gehen wir nun regelmäßig gemeinsam auf dem Hofgelände spazieren. Oder, wie die Hunde es vermutlich sehen: Wir patrouillieren an den Grenzen und halten Ausschau nach Wildschweinen!
Oskar könnte derlei Gruppenaktivitäten durchaus missen, aber Major ist immer ganz entzückt, wenn er mitdarf und auch Freya freut sich offensichtlich.
Anfangs wird noch kurz diskutiert: Dass, was Menschen gern für Spiel halten möchten, häufig der Konfliktvermeidung unter Hunden dient, ist mittlerweile sattsam bekannt. Bei unseren habe ich regelmäßig den Eindruck, dass sie (auch wenn sie nicht miteinander spielen) „unverfängliche“ Situationen nutzen, um einen gemeinsamen „Umgang“ zu finden. So schneidet Major zum Beispiel Oskar den Weg ab, bietet dann aber Spielaufforderungen an (die wie immer ignoriert werden). Oskar seinerseits macht seinem Bewegungsbedürfnis mit ein paar Sprints Luft, die ganz aus Versehen immer damit enden, dass er unmittelbar an Majors Nase vorbeiflitzt. Das wiederum empört den jungen Hund und er überlegt offensichtlich, Oskar zu deckeln. Aber bis er seine Überlegungen beendet hat, steht Oskar längst ganz unschuldig da und scheint zu fragen „Gerannt? Wer? Iiiiiich???“ … Um sich dann erst einmal zu schütteln: So richtig geheuer ist ihm die Sache selber nicht.
Das ist nicht wirklich ein Kräftemessen (dessen Ausgang sowieso klar wäre), sondern vielmehr ein Austarieren: Was geht? Wieviel Spielraum kann sich jeder nehmen, ohne dass der andere reagieren muss?
Ist das erledigt, geht man zum Tagesgeschäft über: Schnuppern und Markieren. Das tun die drei in allerschönster Eintracht.
Oskar zeigt, neben Schafen und Ziegen, mittlerweile auch Wildschweine an und bemerkt diese regelmäßig vor den Patous. Was dann passiert, ist spannend zu beobachten: Oskar zeigt an, die Patous registrieren das, scannen ihrerseits und starten durch. Oskar kommt währenddessen zu mir, um sich eine Belohnung abzuholen.
Diese Belohnungshäppchen unterwegs, die ich Oskar zum Beispiel auch dann zuwerfe, wenn Major zwischendurch das Gehen an der Leine üben darf, was ja eigentlich sein Privileg ist, interessieren den Patou seltsamerweise absolut nicht. Unterwegs sind ganz offensichtlich andere Dinge wichtig.
Am Ende eines solchen Spazierganges kommt es vor, dass die Patous uns gar nicht bis zum Haus begleiten: Es passiert ja nun nichts spannendes mehr.
Aber auch wenn sie mitgehen, denkt Major nicht daran, Oskar am Betreten des Hauses zu hindern – aus seiner Sicht ist das offenbar eine ganz andere Situation.
Oskar dagegen scheint dem Frieden nicht recht zu trauen: In der Einfahrt wird noch ein paar Mal hochwichtig gepinkelt. Und während Major die Stellen kontrolliert und seinerseits markiert, huscht der Aussie unbehelligt in den Innenhof und ins Haus.
Manchmal frage ich mich, ob es sich hierbei tatsächlich nur um ein Ablenkungsmanöver handelt, oder auch um ein Verhalten, das Major die Möglichkeit gibt, sein „Gesicht zu wahren“.

Iris

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In der Lücke zwischen Oskar und Major stand vorher ich … Anders wäre Oskar schwerlich auf die Idee gekommen, sich so nahe zu den Patous zu setzen. Nachdem ich aus dem Bild gegangen war, hat es dann auch gerade eben für ein einziges Foto gereicht.
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Ein Gedanke zu “Hundetraining „style Durantis“

  1. Es ist sehr interessant, wie Du das Verhalten der Hunde schilderst. Sie leben ja sehr ursprünglich bei Euch und machen das, was in ihren Genen liegt – die Herde beschützen. Gehört Oskar nicht allmählich zu den zu schützenden „Schäfchen“ dazu?
    Unsere Giada – Maremmano – ist auch ein Arbeitstier. Sie muss wohl aus einer Arbeitslinie stammen, da sie immer im Einsatz ist. Das Patrouillieren kenne ich auch bei ihr.
    LG Susanne

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