Notizen zum postklimatischen Alltag

Der mediterrane Sommer pflegte in früheren Jahren mit ein paar beeindruckenden Gewittern zu enden, die jene lang erhoffte morgendliche Kühle wiederbrachten, die den Herbst vom Sommer auch bei noch geschlossenen Augen leicht unterscheidbar macht(e). Heuer sind die Gewitter schlankerhand vom Spielplan gestrichen worden. Der viel zu trockene Sommer ging von einem Tag auf den anderen in einen viel zu trockenen Herbst über: Der Regen blieb aus, allein die morgendliche Kühle kam.

Vordergründig ist diese Trockenheit sogar eine ganz angenehme Sache: Unser Solartrockner trocknet ganz unkompliziert größere Teile des geernteten Obstes, die Sonnenstrahlen wärmen sehr angenehm und gefühlt lässt sich recht lange auf die herbstliche Feuchte verzichten. Auf den zweiten Blick fällt indes auf, dass schon lange Grundlegendes nicht mehr stimmt: Die Ausscheidungen unserer Weidetiere kompostieren beispielsweise nicht mehr in ein paar Tagen, sondern sie trocknen über Wochen, bis sie schließlich auseinanderbröseln und vom Wind weggetragen werden.

Fährt man durch die Berge Richtung Alès, dann sieht man in einem vor vielen Jahrzehnten aufgegebenen Tal, dass große Teile der dortigen Steineichen in ihrem „Urwäldchen“ sterben. Wenn die Pfahlwurzeln dieser nur bei mediterranem Klima gedeihenden Bäume, nachdem sie jede andere Vegetation bereits verdrängt haben, kein Wasser mehr finden, dann ist es nicht mehr nur trocken. Wiederkehrende wochen- oder auch monatelange Restriktionen in der Trinkwassernutzung sind inzwischen Alltag. Das Gespräch unter denjenigen, die im größeren Umfang Gemüse anbauten, drehte sich in vergangenen Wochen meist um die Frage, wer wann und aus welchem Grund die Segel gestrichen hatte.

Die Wildschweine sind seit Wochen bereit, fast jedes Risiko einzugehen, um ihre Nasen wenigstens manchmal in etwas noch irgendwie Feuchtes stecken zu können. Da wird dann auch schon mal ein metertiefes Loch gegraben. Auffällig sind auch die Brombeeren, die hier in diesem Jahr mit winzig kleinen Früchten still und leise vertrocknen: ein seltener Anblick. Dass wir dabei nicht von einem neuerlichen Sonderfall ausgehen dürfen, zeigt die veränderte Vegetation: Gleich mehrere, bislang unbekannte, aber dafür bestens an Trockenheit angepasste Gräser haben sich in diesem Jahr beeindruckend ausgebreitet. Das, was wir gerne für Erde halten würden und in dem in früheren Herbsten eine Salatpflanze auch ohne Bewässerung gedeihen konnte, ähnelt eher Schieferbruch …

Und die allgegenwärtigen Kastanien? Man hat sich eigentlich schon daran gewöhnt: Sie sind klein, leicht, vorgetrocknet und zudem zu früh. Noch vor ein paar Jahren mühten sich die Kastanienbauern in einem solchen Fall durch ihre Ernte, versuchten das Ganze irgendwie zu händeln und dann am Ende abzuschätzen, wie groß der Minderertrag des Jahres wohl gewesen war. In diesem Jahr, werden die Namen der Trockenheitsopfer schon mit Beginn der laufenden Ernte eingesammelt, damit das Dossier zur Erreichung einer Entschädigungszahlung wg. „Naturkatastrophe, die x-te“, ein wenig schneller auf seinen Weg nach Paris kommt … Man passt sich halt immer an, selbst in den Detailfragen postklimatischen Antragswesens.

Bernd

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Ein Gedanke zu “Notizen zum postklimatischen Alltag

  1. Vor 13 Jahren haben unsere ersten Gaense hier im Outback Australien gebruetet, im November sind die Kueken geschluepft. Das ging so fuer die naechsten 10 Jahre, seit drei Jahren schluepfen die Kueken Anfang Oktober. Emus, die Kueken sollten eigentlich im August schluepfen, seid zwei Jahren sieht es so aus, als ob es keine Regel mehr gibt, Emukueken gibt es ploetzlich von April bis September.

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