Hoffest

Als sich der Tag nähert, an dem sich mein drittes Jahr auf dem Hof vollendet, bin ich vor allem anderen … überrascht.
Es kommt mir vor, als sei erst eine Woche vergangen, seit ich über meine ersten zwei Jahre geschrieben habe …

Ein Fazit des letzten Jahres drängt sich daher nicht wirklich auf, aber ein paar Erkenntnisse und Entwicklungen gab es natürlich schon:

Mein Herzblut und Talent hängen eher an der Gemüseverarbeitung, als an dessen Anbau, soviel kann man – denke ich – als gesichert ansehen. Nicht, dass ich nicht gerne im Garten mitarbeiten würde, aber genau da liegt auch der Unterschied: In der Küche arbeite ich nicht mit, da schwinge ich das Zept … ähem, Nudelhol … nicht doch! … den Kochlöffel. Als alte Feministin berührt mich die Erkenntnis manchmal schon merkwürdig, dass mein Platz ganz offensichtlich in der Küche ist. Aber Tatsache ist, dass ich nirgendwo soviel Kreativität entwickele und auch „austoben“ kann, wie hier.

Meine Affinität zu den Schafen ist ungebrochen, geht aber unterdessen mit einer gewissen Wehmut einher: Im Frühjahr haben wir, vermutlich durch Angriffe eines streunenden Hundes, viele von ihnen verloren. Schafe sind nicht sonderlich stressresistent und können, selbst wenn sie nicht oder nur leicht verletzt sind, nach einer solchen Hatz am Schock sterben.
Wie komplex die soziale Struktur unserer kleinen Herde war, habe ich erst erkennen können, als diese zerstört war: Es gibt kein „Leitschaf“ (und schon gar keinen Leithammel), sondern eine Gruppe erfahrener Schafe, die gemeinsam Entscheidungen treffen. Es gibt solche Schafe, die Handlungsvorschläge machen – aber erst wenn ein anderes Schaf (in unserem Falle das Raïolschaf, das so gut wie nie Eigeninitiative zeigt, aber ganz offensichtlich für die Security zuständig ist) diese gutheißt, nimmt die Herde den Vorschlag auch an. Wird diese Gruppe auseinandergerissen, sind die Schafe orientierungslos und es dauert eine ganze Weile, bis eine neue Struktur etabliert ist.
Zu den Schafen, die wir verloren haben, gehören auch Columbus und seine Jugendliebe Filipa. Keine weiteren Geschichten über diese beiden also …

Durch das Training mit Major, aber auch durch Oskars Entwicklung hier, habe ich eine Menge neuer Einsichten in die Arbeit mit Hunden gewonnen – dazu wird es ganz sicher noch den einen oder anderen Text geben!
Manchmal bedaure ich, dass ich diese Einsichten nur in einem ganz geringen Maße weitergeben kann. Ja: Ich vermisse meinen Beruf!
Andererseits finde ich es schön, einen Beruf gehabt zu haben, von dem ich aufrichtig sagen kann, dass ich ihn vermisse!

Was sich noch nicht so recht entwickelt hat, sind meine Französischkenntnisse. Mittlerweile verstehe ich zwar eine Menge, aber das Sprechen fällt mir nach wie vor schwer. Ich nehme mir ein weiteres Mal vor, meinen Kurs „Französisch in 30 Tagen“ endlich in Angriff zu nehmen!

Wir beschließen, meinen Jahrestag zum Anlass für ein kleines Hoffest zu nehmen und laden, neben deutschen Freunden, die hier ihren Urlaub verbringen, französische Nachbarn ein, die ich von den Chantiers her kenne.
Da wir so viele Leute nur unter Mühen im Esszimmer unterbringen könnten, bauen wir Biertische und -bänke in der Einfahrt auf. Dazu passt dann natürlich ein Buffet besser, als ein förmliches Abendessen.
Über zwei Tage lang rotiere ich in der Küche (und vor lauter lauter vergessen wir doch glatt, dann auch ein Foto von der „Tafel“ zu machen) …

Vegetarier werden in Frankreich nach wie vor als Exoten angesehen, die regelmäßig gefragt werden, ob sie denn Fisch äßen.
Mein Sendungsbewußtsein in dieser Frage oszilliert zwar um Null, aber ich setze dennoch meinen Ehrgeiz darein, dass unsere Gäste uns mit dem Eindruck verlassen, dass man bei „Vegetariers“ originell und lecker essen kann.
Zum selbstgemachten Holunderblütenlikör reichen wir zunächst Melonen, Mirabellen und Feigen aus dem Garten.
Was die Originalität betrifft, kann ich schon mit schlichter Kräuterbutter Punkte machen: Das „Butterbrot“, mit dem ich aufgewachsen bin, ist sehr viel „deutscher“, als mir bewusst war: Franzosen essen Brot „dazu“, bestreichen und belegen es aber nicht.
Und weil mich der Hafer (oder besser: der Dinkel) sticht, serviere ich dazu ein Bratkartoffelbrot – ohne vorher auszuprobieren, ob die Rezeptidee tatsächlich funktioniert. Genau genommen ist das überhaupt das erste Hefebrot, das ich jemals gebacken habe … Dann gibt es Risottobällchen und Linsensalat. Und als Hauptgang eine orientalische Reispfanne mit „Lamm“.
Zum Dessert habe ich ayurvedisches Pflaumenkompott mit Vanillesauce vorbereitet und – weil auch der völlig unfranzösisch ist – einen Marmorkuchen gebacken.
Mit Gastgeschenken in Form von Zucchini-Schokoladen-Kuchen und „fondant de châtaigne“ hatte ich nicht gerechnet und so frönen wir zum guten Schluss einem gigantischen Nachtisch-Buffet …

„Liebe geht durch den Magen“, heißt es. Nachbarschaft und Freundschaft hoffentlich auch!
Was uns betrifft soll dieses jedenfalls nicht das letzte Hoffest gewesen sein … Jahrestage hin oder her …

Bratkartoffelbrot

600g Dinkelmehl
1 Tütchen Hefe
1 leicht gehäufter TL Salz
Wasser

Je eine mittelgroße Zwiebel und Kartoffel, feingehackt und goldbraun gebraten
2 – 3 EL „Speckwürfel“

Mehl, Hefe und Salz mit dem Knethaken verrühren und erst dann sehr langsam das Wasser zugeben. Wenn der Teig leise Geräusche macht, die sich anhören, als würde man durch Matsch laufen, mit der Zugabe von weiterem Wasser warten, bis es wieder „still“ ist.
Sobald der Teig sich von der Schüssel zu lösen beginnt, ist genug Wasser darin.
Dann die restlichen Zutaten unterkneten, bis der Teig sich komplett von der Schüssel gelöst hat.
In eine eingeölte Kastenform geben und gehen lassen, bis der Teig sich leicht über den Rand der Form erhebt.
Bei knapp 200° ca. 35 bis 40 Minuten backen bis sich eine Kruste bildet. Das Brot ist fertig, wenn es sich leicht aus der Form stürzen lässt und es sich, wenn man auf seinen Boden klopft, hohl anhört.

Iris

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4 Gedanken zu “Hoffest

  1. Wer auf die Idee kommt ein „Bratkartoffelbrot“ zu backen, der muss doch einfach kreativ sein! Großartig, das klingt beim lesen schon lecker. 😌
    Dein Text ist wie ein kleiner Auszug aus einem malerischen Roman. Frankreich, Hoffest, Gästezimmer und Du, die du Tagelang vor dich hin-werkelst, um dieses opulente Buffet auf die Tische zu zaubern. Ich hab da wirklich ein schönes und duftendes! Bild vor Augen. Ich glaub, ich kann sogar jemanden lächeln hören. 😉
    – Ich glaube, dass die Freiheit der modernen Frau darin liegt, dass sie einfach das tun kann, was man möchte. Ob das jetzt nach Frankreich gehen oder in der Küche werkeln ist… Hauptsache Frau fühlt sich wohl und frei.
    Dein Brot back ich am Wochenende! Es klingt wirklich köstlich.
    Liebe Grüße, Jenny

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