Stärken, Schwächen, Grenzen

Schon als Kind konnte ich Bienen und Wespen auf meinen Händen herumkrabbeln lassen, ohne dass sie mich gestochen hätten.
Das prädestiniert mich heute für Tätigkeiten wie die Ernte von solchen Früchten, für die sich auch die asiatischen Hornissen interessieren. Kein Hexenwerk übrigens: Man muss sich einfach nur ruhig und langsam bewegen, dann kann man Erdbeeren mitsamt der Hornisse darauf pflücken, ohne dass diese sich bei ihrem Frühstück stören ließe.
Auch das Entfernen von Wespennestern fällt in mein Ressort. Die gallischen Feldwespen sind – wie ihre großen Verwandten – eher friedliche Zeitgenossen, deren Nester relativ klein und nur mit einem winzigen Stiel am jeweiligen Untergrund befestigt sind. Solange es morgens kühl ist, kann man sie mit einer Kohlenzange ganz vorsichtig „abpflücken“. Das Nest wird zwar anschließend aufgegeben, aber immerhin passiert den Wespen nichts. Wenn es irgend möglich ist, lassen wir sie einfach, wo sie sind, aber im Briefkasten zum Beispiel kann man einfach kein Wespennest brauchen.

Mit Spinnen komme ich weniger gut klar.
Das ist zwar, seit ich auf dem Land lebe, schon viel besser geworden, aber wenn der Anblick eines etwas größeren Exemplares allzu unverhofft kommt, mache ich immer noch einen Satz rückwärts. Warum, wenn 10 Leute Kastanien sammeln und einem davon eine Spinne über den Bauch flitzt, diese Person immer ich bin, werde ich nie verstehen. Aber immerhin kreische ich nicht mehr auf. Jedenfalls nicht mehr laut.

Die Gewächshäuser nun sind voll von allem möglichen Getier, das fliegt, hüpft, oder krabbelt: Fliegen, Mücken, Bremsen, Grashüpfer, Blattwanzen, Schmetterlinge, Holzbienen, Wespen und ja … auch ein paar Spinnen. Wenn ich dort arbeite und beispielsweise die Stangenbohnen durchernte, hilft ein „Das-ist-jetzt-nur-eine-Bohnenranke!“-Mantra. Welches mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich zutrifft: Um an alle Bohnen heranzukommen, muss man tief zwischen die Pflanzen greifen und hat dann schnell mal eine Ranke im Nacken. Außerdem stehen, um den Platz gut zu nutzen, alle Pflanzen in dichten Reihen und auch die Tomaten neigen zu „Übergriffen“. Was an den Waden entlangstreicht, ist meist Gras oder Melde. Oder Brennnesseln, wenn man Pech hat. Und was unter dem T-Shirt den Rücken entlang zu krabbeln scheint, ist … NICHTS! Oder jedenfalls nur eine Bohnenranke.
Wenn ich jedes Mal gucken wollte, was ich da habe, würde ich nie mit der Arbeit fertig, hätte aber vermutlich nach kürzester Zeit einen hysterischen Anfall.

Normalerweise bewege ich meine Gemüsekiste vor mir auf und ab wenn ich zwischen den höheren Pflanzen hindurchgehe: Kreuz- und auch die großen Wespenspinnen bauen ihre Netze gerne quer zu den Gängen. Und auch wenn man völlig frei von Phobien ist: Spinnwebfäden, die sich quer über Brillengläser ziehen, sind echt nervig.
Heute muss ich tief in Gedanken gewesen sein, denn erst nachdem ich mehrmals unwillig etwas von mir abgestreift habe, wird mir klar, dass ich durch Spinnweben gelaufen sein muss. Und da sitzen sie auch – die Wespenspinnen, nicht die Weben: In den Zwiebeln, die – zugegeben – dringend mal gejätet werden müssten. In den Zwiebeln, nicht in den Stangenbohnen. Dazwischen ist ein halber Meter Platz für mich und meine Gemüsekiste. Wenn ich mich also so bücke, dass ich nicht etwa mit dem Po versehentlich in die Zwiebeln … Anspringen werden die mich ja wohl nicht …

Ich ernte weiter, wenn auch mit deutlich gebremstem Enthusiasmus. Bis ich zwei Meter weiter die Königin aller Wespenspinnen genau in Augenhöhe habe.

Selbstverständlich kreische ich nicht los. Ich renne nicht einmal. Ich denke einfach nur, dass das jetzt ein sehr guter Zeitpunkt ist, einmal zu schauen, was draußen noch so zu tun ist …

Iris

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4 Gedanken zu “Stärken, Schwächen, Grenzen

  1. Die können groß werden. Hab als Kind mal fasziniert beobachtet wie so ein Exemplar in Jugoslawien einen Grashüpfer nach dem anderen fing und nach jedem blitzschnell ihr Netz wieder in Ordnung brachte. Sie werden Dir die Gemüsekistenattacke also nicht wirklich übel genommen haben.

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