Victor

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich Victor zum ersten Mal begegnet bin.
Oskar und ich waren gerade auf Durantis angekommen und die erste aufgeregte Begüßung durch die Hofhunde war soeben überstanden, als ein weiterer Hund herbeigeschlendert kam. Ohne jede Eile kam er heran und hat Oskar kurz und ganz und gar unaufdringlich beschnuppert. Nichts weiter. Von dieser Sekunde an ist mein krakeeliger Hund ihm stets mit dem allergrößten Respekt begegnet. Nicht, dass Victor hieran auch nur im mindesten interessiert gewesen wäre …

Für einen Patou eher klein und gedrungen, wusste er durch seine schiere Präsenz zu beeindrucken. Er kam nie angerannt, er pflegte zu erscheinen. Das allerdings konnte in Sekundenschnelle geschehen. Mehr als einmal konnte ich beobachten, wie er mit einer einzigen Geste Auseinandersetzungen für sich entschieden hat.
Lediglich wenn Freya, seine Freya, der Ansicht war, für diesmal sei sein Futternapf doch der ihre, hat er ihr in aller Demut seinen Platz überlassen.
Und Welpen! Von Welpen und Junghunden hat der alte Recke sich alles aber auch alles gefallen lassen. Die kleine Valentina ist in den ersten Wochen nur bäuchlings auf ihn zugekrochen, bevor sie sich ein Herz gefaßt hat. Und der alte Hund hat sich in höchst alberner Weise auf den Rücken geworfen und unter maumelnden Geräuschen mit den Pfoten in der Luft gerudert, bis sie all ihre Hemmungen verloren und sich über ihn hergemacht hat. Auch den kleinen Major hat er in seine liebevolle Obhut genommen.

Dass der Pyrenäenberghund mannscharf sei, hat Victor nie jemand erklärt. Oder aber, er hat es zur Kenntnis genommen und beschlossen, besseres zu tun zu haben. In seinem Verhalten Gästen gegenüber habe ich keinerlei Aggression beobachten können: Er hat Besucher gemeldet und gegebenenfalls in aller Höflichkeit bis zum Haus eskortiert, damit wir sie dort in Empfang nehmen könnten. Vertrauten Menschen gegenüber konnte er dagegen ein gerüttelt Maß an Übergriffigkeit zeigen: Wenn er der Ansicht war, er wolle a. gekrault werden oder es sei b. noch nicht der Moment, mit dem Kraulen aufzuhören, konnte er durchaus deutlich werden.
Ganz ausgelassen, albern und kindisch konnte er dann sein.

Und unter Umständen auf eine Art und Weise ängstlich, die mir in der Seele wehgetan hat: Als Victor jung war und seinem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit unter anderem dadurch Ausdruck zu verleihen versuchte, dass er in Pulloverärmel und -säume biß, waren die Erziehungsmethoden noch … sagen wir … kerniger. Güsse mit kalten Wasser erwiesen sich als nachhaltig: Noch in hohem Alter, als er sich nach einem Schläfchen nur noch unter Schmerzen aufrappeln konnte, ist schlagartig Bewegung in den Hund gekommen, wenn man sich mit einer Gießkanne näherte. Es hat mich viel Überzeugungsarbeit in Form von Beschwichtigungsbögen mit Gießkannen gekostet, bis er mir soweit vertraut hat, dass er liegengeblieben ist.

Ein schwerer Leistenbruch hat 2013 Victors bisherigem Leben ein Ende gesetzt.
Zwar fand sich nach einigem Suchen eine Tierklinik, wo man bereit war, ihn zu operieren, danach jedoch hätte er sich wochen-, ja monatelang schonen müssen. Im Haus bleiben. Womöglich einen Kragen tragen.
Stattdessen ist er schon in der ersten Nacht ausgebrochen und seines Weges gegangen.
Man mag uns ankreiden, dass wir den alten Mann haben gewähren lassen. Wir hätten zu seinem körperlichen Wohle seinen Willen brechen müssen. Das haben wir nicht über’s Herz gebracht.

Die Wunde an Victors Hinterteil schloß sich nicht und die Kunststoffnetze, die man zur Stabilisierung mit seinen Eingeweiden vernäht hatte, gerieten in Bewegung, teils konnte man sie aus der Wunde hervorlugen sehen. Einen Teil davon hat er vermutlich selbst wieder entfernt. Man hätte den Hund noch einmal aufmachen und neu wieder zusammennähen müssen … aber abgesehen davon, dass eine Wiederholung der OP nicht möglich gewesen wäre … was hätte es geändert? Die Reaktionen der Ärzte ließen uns darüber hinaus recht schnell vermuten, dass mit einer „Heilung“ nie zu rechnen gewesen war.

Seit der OP war Victor außerordentlich heikel was seine körperliche Integrität betraf. Wir durften die Wunde nicht einmal aus der Entfernung anschauen, an eine Untersuchung und Versorgung war nicht zu denken. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass Victor uns niemals beißen würde. Nun, er hätte
Als eine Reinigung der Wunde unumgänglich war, haben wir ihn sedieren lassen. Während der ganzen Zeit hat dieser sonst so stoische Hund laut geklagt. Und sowie er ein kleines bißchen Kontrolle über seinen Körper zurückerlangt hatte, hat er sich auf seine Wunde gelegt, so dass ich nicht mehr herankam. Abgesehen davon, dass man alte Hunde nicht beliebig oft sedieren kann: Wir hätten ihm das kein zweites Mal antun mögen.
Er verfiel zusehends. Ab dem Herbst 2014 haben wir zu befürchten begonnen, dass er nicht mehr lange bei uns sein wird.

Dann jedoch haben wir den Tierarzt überzeugen können, ein hochwirksames Schmerzmittel zu verordnen. Victor bekommt es einmal im Monat und gegen Ende der Depotwirkung merkt man ihm an, dass er sich quält. Den Rest der Zeit jedoch, wirkt er durchaus zufrieden. Er marschiert zwar nur noch dann selber los, wenn ihm das ganz und gar unvermeidlich erscheint – viel häufiger liegt er im Schatten, bellt und hofft, dass wer anders sich kümmern möge. Aber er genießt gelegentliche Sonnenbäder, tritt pünktlich zu den Mahlzeiten an und läßt sich mit großem Vergnügen betüdeln.

Als wir dem Tierarzt von Fell- und Hautproblemen berichten, schüttelt dieser bedauernd den Kopf. Es sind vermutlich Nebenwirkungen des Schmerzmittels, die dazu führen, dass das Fell seine Schutzfunktion verliert und die Haut offenbar juckt, so dass Victor sich stellenweise blutig beisst. Aber man kann nicht noch mehr Medikamente geben.
Eines Tages entdecke ich mit Schrecken, dass unter seinem Halsband die Haut wund und offen ist. Das Halsband muss runter! Und so setze ich mich zu dem alten Hund, kraule ihn, erzähle ihm dies und das und friemele in aller Vorsicht das Halsband los.
Ich werde in der nächsten Zeit noch viele Stunden bei ihm sitzen. Sein Fell verfilzt und trocknet nicht mehr – darunter bleibt die Haut feucht und wird wund. Über den Stellen, die er blutig beißt, bildet sich eine feste Schicht aus vollgesabbertem Fell, Schorf, Blut und Dreck – da muss Luft ran!
Kraulen lässt der alte Mann sich gern und er lässt sich viel von mir gefallen – und so stelle ich ihm nach und nach meine Werkzeuge vor. Es empfiehlt sich nicht, ihn mit irgendetwas berühren zu wollen, das er vorher nicht berochen und „genehmigt“ hat … zu Anfang wird ihm auch jeder Filzknoten, den ich entferne, „zur Begutachtung vorgelegt“ …
Leider hasst er das Geräusch der Schere, wo ich die doch am dringendsten brauche. Ich kraule und becirce also … kraulkraulkraul … schnipp! … entschuldige mich wortreich … kraulkraulkraul … schnapp! … versichere, dass ich nicht geahnt habe, wie sehr er das verabscheut … kraulkraulkraul …
Mit der Zeit lernen wir, einander zu verstehen: Wenn er meine Hand sofort zu fixieren beginnt, ist es kein guter Tag für Fellpflege. Auch wenn er sie intensiv leckt, soll mich das nicht seiner Anhänglichkeit und Dankbarkeit versichern, da bin ich mir sicher – es ist eher ein liebevoller Hinweis auf die Tatsache, dass er meine Hand mit seinem Maul erreichen kann …
Andererseits muss es sein: Auch wenn er es übergriffig und nervig findet – ich muss wenigstens dafür sorgen, dass seine Wunden heilen können! Es wird leichter, als er zu begreifen beginnt, dass mein Tun ihm Erleichterung verschafft.
Nun allerdings kommt es vor, dass er meint, just da auch knabbern und schlecken zu müssen, wo ich gerade bei der Arbeit bin. Manchmal suche ich mir dann eine andere Stelle – oft jedoch arbeite ich mit den Fingern in seinem Maul weiter. Sollte es jetzt ziepen, oder ich ihn mit der Schere kneifen, muß er nur unwillkürlich zupacken …
Wenn es ihm zuviel wird, fasst er meine Hand ganz vorsichtig. Und wenn ich ihm so richtig auf die Nerven gehe, drückt er sie.
Blaue Flecken trage ich dabei nur ein einziges Mal davon, als ich gar zu vorwitzig bin. Im Allgemeinen verstehen wir einander gut, aber es stimmt mich verzweifelt, dass ich ihm so viel mehr zumuten müsste, als er dulden mag. Dass er nicht versteht!
An guten Tagen gelingt es mir, ihn in den Schlaf zu kraulen und dann ungehemmt sein Fell herunterzuschneiden. Aber es mehren sich die Gelegenheiten, an denen ich nur noch mit den Fingerspitzen vorsichtig schubbern darf.

Das Gehen fällt ihm immer schwerer. Normalerweise vermeidet er es.
Aber nach einer aufregenden Nacht im letzten Sommer, während derer offenbar etliche Wildscheine unterwegs waren, finden wir ihn auf einer der untersten Terassen des Gartens. Ausgerechnet …
Die steile Stelle, die er überwinden müsste, ist nur ganz kurz, aber zunächst scheint es, als könne er überhaupt nicht aufstehen. Später zeigt sich, dass er die Hinterläufe nachzieht. Er ist zu schwer, um ihn dort herauszuheben und womöglich bis zum Hof zu tragen. Zum ersten Mal sprechen wir konkret darüber, den Tierarzt zu rufen, um Victor einschläfern zu lassen. Aber noch ist Leben in dem alten Hund und er wird den Tierarzt nicht an sich heranlassen.
Und tatsächlich schafft er er es, sich zum Haus zurückzuschleppen.
Aber schon in der nächsten Nacht finde ich ihn wieder dort. Muss dieser alte Hund denn unbedingt die letzten Reserven mobilisieren!
Anscheinend muss er …

Am nächsten Tag verlässt er die Terasse nicht mehr – ich bringe ihm Futter und Wasser dort hin.
Es ist eine der Stellen, unterhalb derer die Wildschweine sehr aktiv sein müssen – gerade erst haben wir hier ein paar ihrer bevorzugten Wege unpassierbar gemacht. Victor weiß sehr genau, dass er nicht mehr in der Lage ist, ihnen Einhalt zu gebieten. Er beißt mir mehrmals in die Arme vor lauter Aufregung und Frustration – nicht, um mich zu verletzen, sondern so, wie ein Mensch in äußerster Erregung den Arm eines anderen Menschen packen und seine Fingerspitzen in dessen Fleisch bohren mag. Und so ist es auch nicht mein Arm, der schmerzt.

Victors Lebensgefährtin Freya ist eine wunderbare Hündin, sanftmütig und freundlich. Mit ihm an ihrer Seite ist sie dennoch stets wacker in die Bresche gesprungen. Ohne ihn wirkt sie hilflos. Und auch sie ist schon alt.
Major seinerseits ist noch zu jung. Er ist noch in dem Alter, wo man mutig Haus und Hof „sichert“, während die Erwachsenen auf dem Rest des Geländes tabula rasa machen …

Nun wirkt es, als wolle Victor ihm immerhin zeigen „wo der Feind steht“, wo man hingehen muss, wenn es nicht ausreicht, von der Sicherheit des Hofes aus den Eindringling zu verbellen. Wie man kämpft (zumindest gegen äußere Gegner), kann er ihm nicht mehr zeigen – das wird der kleine Hund selbst herausfinden müssen.

Für diesmal erholt er sich wider Erwarten.
Er ist durch nichts davon abzubringen, seinen Job weiterhin zu erledigen und es passiert nun häufiger, dass er ausgedehnte Pausen benötigt, bevor er den Weg zurück zum Haus schafft. Ist ihm dabei eine Treppe im Weg, kommt es vor, dass er kurzerhand an deren Fuße liegenbleibt. Tritt er abends nicht zum Essen an, wird er nun gesucht und bekommt sein Futter da serviert, wo er gerade ist.
Im Winter jedoch wird das Wetter zum Problem: Sein Fell schützt ihn nicht mehr vor Nässe und während seiner Ruhepausen schlottert er vor Kälte.
Als meine Bitten, doch in die Küche zu kommen und sich dort aufzuwärmen ungehört verhallen, versuche ich, ihn mit sanfter Gewalt ins Haus zu bugsieren. Aber der alte Hund ist kräftiger, als gedacht: Das will er nicht! Und so bewege ich ihn keinen Zentimeter.
Bis zu der Regennacht, in der er sich die Treppe bis zur Tür des Büros hochgeschleppt hat. Als ich diese öffne, steuert er schnurstracks Oskars Hundebett an und bricht dort in sich zusammen. Anfangs scheint er sich nicht sicher zu sein, ob das so wirklich richtig ist, aber irgendwann schläft er tief und fest.
Wir nicht. Einer von uns ist fast die ganze Zeit bei ihm – allein schon, um dafür zu sorgen, dass der Ofen nicht ausgeht.
Nachdem er knapp 24 Stunden durchgeschlafen hat, geht Victor wieder seiner Wege.

Und das tut er immer wieder: Sich erholen und erneut seiner Wege gehen, auch wenn es zunehmend schwerer fällt.
Und so wird es tatsächlich noch einmal Sommer, bis Victor sich ein letztes Mal aufrappelt, um mich und die anderen Hunde in den Garten zu begleiten. Kurz darauf bezieht er Stellung unter der großen Steineiche unterhalb des Hauses: Es ist einer der schönsten – und strategischsten – Orte des Hofes.
Dort stirbt Victor am Abend des 08. Juni 2017 und dort haben wir ihn auch begraben.

Es schmerzt mich, dass ich von diesem großartigen Hund nichts Schöneres zu erzählen weiß. Aber ich hatte nur diese Zeit mit ihm. Und ich würde sie auf keinen Fall missen wollen. Wir werden ihn vermissen.

Iris

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5 Gedanken zu “Victor

  1. Man mag uns ankreiden, dass wir den alten Mann haben gewähren lassen. Wir hätten zu seinem körperlichen Wohle seinen Willen brechen müssen. Das haben wir nicht über’s Herz gebracht.

    Und daran habt ihr gut getan.
    Ein wunderschöner Nachbell, wenn ich so sagen darf. Das Einhorn senkt sein Haupt in Trauer. Mein tiefes Beileid.

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  2. Ein Hund mit Charakter und Menschen mit Hundeverstand…eine gute Kombination, die auch dieses letzte Jahr für beide Seiten so wertvoll gemacht hat. RIP Victor !

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