Oskar wird 11

Mit dem Alter entwickle man „Eigenheiten“ heisst es … und Oskar ist da offensichtlich keine Ausnahme. Rituale sind ihm mittlerweile nicht nur sehr viel wichtiger, als sie das früher waren, er hat auch seine ganz eigenen Ansichten darüber, wie genau diese von statten zu gehen haben.
Er hat mich in den Garten begleitet und setzt sich unaufgefordert vor dem Gewächshaus in den Schatten – dass der erfahrene Gartenhund nicht über die Pflanzfolien trampelt, hat er längst gelernt.
Ich ernte ein paar Kohlrabi und bringe ihm zur Belohnung ein Radieschen mit, das er mit Andacht knurpst. Mein Hund mag Radieschen.
Als ich jedoch zurück zum Haus gehen will, schaut er mich fassungslos an: KEINE ERDBEERE???
Oskar bewegt sich keinen Millimeter. Schaut von mir zum Erdbeerbeet und wieder zurück.
Und ich muss einsehen: Radieschen sind gut und schön, aber wenn die Erdbeeren reif sind, dann gibt es bitteschön Erdbeeren zur Belohnung! Sowie das wunschgemäß erledigt ist, können wir dann auch zum Haus zurückgehen.

Mittlerweile trabt er, wo er früher gerannt wäre. Und manchmal denke ich, es ist gar nicht unser Training, das ihn vom Jagen abhält, sondern die Erkenntnis, dass das Reh ihm sowieso eine lange Nase drehen würde … Wenn er ein paar Meter vor mir läuft und ich ihn ganz leise anspreche, bekommt er das nicht mehr in jedem Falle mit. Und ein geworfenes Futterbröckchen steuert er auch nicht mehr wie am Faden gezogen an.

Andererseits staune ich immer wieder über seine zunehmende Fähigkeit, sich Dinge selbst zu erschließen:
Üblicherweise entscheide bei einem Spaziergang ich, wo wir hingehen. Als er plötzlich mit der allergrößten Selbstverständlichkeit in eine andere Richtung strebt, folge ich ihm dennoch – schließlich ist das seine Zeit …
… und stoße nach ein paar hundert Metern auf unsere Schafe, die sich wieder einmal auf einer kleinen „Exkursion“ befinden.
Er war wohl – auch ohne Suchauftrag – der Meinung, dass mich das interessieren könnte …

Besondere Freude macht es mir, seinen Umgang mit Major zu beobachten: Über Jahre ist er kläffend nach vorn geschossen, wenn er sich bei einer Hundebegegnung überfordert gefühlt hat. Das Zusammenleben mit den souveränen, freundlichen Patous hat ihn sehr viel gelassener werden lassen und nun entwickelt er vollkommen neue Strategien.
Wenn wir von einem Ausflug zurückkommen und uns dem Haus nähern, bremst Major ihn häufig aus – er übt das Verhalten, das Patous fremden Hunden gegenüber zeigen, unterbricht es aber immer wieder durch Spielaufforderungen. Trotzdem nervt es natürlich.
Oskar, der Major mittlerweile nicht mehr einfach abhängen kann, pinkelt hochwichtig und mit dem allergrößten Ernst einen Busch an … und macht sich, während Major die Stelle neugierig kontrolliert, aus dem Staub …
Ganz besonders suspekt ist ihm die Begrüßung „Nase an Nase“, die der junge Patou nicht müde wird, ihm anzubieten. Major kommuniziert fein und ist trotz der Pubertät nicht grob aufdringlich – ich vermute, dass er Oskars drohend gekrauste Nase auf die geringe Distanz schlicht nicht sehen kann …
Statt nun deutlicher zu werden, scheint mein Hund plötzlich einmal tief Luft zu holen und bietet stattdessen seine Nase zum Gruß an! Er wirkt nicht einmal sonderlich gestresst, sondern eher neugierig. Und siehe da: Schon ist es überstanden!

Als er während eines Spazierganges auf dem Hofgelände, bei dem uns alle Hunde begleiten, einen ollen Knochen findet und hocherfreut anschleppt, steigt dennoch mein Adrenalinspiegel: Ich achte immer sehr darauf, dass es keinen Grund für Ressourcenstreitigkeiten gibt, aber damit habe ich nicht gerechnet!
Freyas und Victors wegen mache ich mir keine Sorgen, die verfahren in dieser Frage nach dem Motto „wer hat, der hat!“, aber ich habe keine Ahnung, wie Major reagieren wird. Ich könnte den Knochen natürlich an mich nehmen … Aber wenn ich das tue, muss ich den mir anvertrauten Schatz auch hüten, wozu ich nicht wirklich Lust habe. Außerdem könnte es zu einer solchen Situation auch einmal dann kommen, wenn ich nicht dabei bin. Ich beschließe also, erst einmal zu beobachten …
Oskar hat sich unterdessen in den Schatten gelegt und knabbert hingebungsvoll an einem Ende des Knochens. Victor interessiert der Knochen nicht, aber in den Schatten will er auch und so läßt er sich – sozusagen kommentarlos – neben Oskar plumpsen. Major dagegen nähert sich vorsichtig und beäugt begehrlich das freie Ende des Knochens. Und Oskar – ohne auch nur in seine Richtung zu schauen – legt einfach eine Pfote darauf. Klare Ansage: Alles meins!
Dem jungen Hund tropft der Zahn, aber er macht keinerlei Anstalten, sich weiter zu nähern. Er ist so viel größer als Oskar, dass dieser problemlos unter seinem Bauch hindurchlaufen kann … er könnte ihm den Knochen einfach abnehmen. Stattdessen legt er sich, von Oskar abgewandt, ebenfalls in den Schatten. Und da liegt mein kleiner, bunter Hund … ganz entspannt zwischen den beiden Patous. Er ist angekommen.

Iris

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4 Gedanken zu “Oskar wird 11

  1. Hunde sind so wunderbare Wesen. Ich teile mein Leben mit zwei von ihnen, und ich finde kein anderes Tier kann einem Menschen so nahe kommen. Und es zerreißt mir jetzt schon das Herz daß sie so schnell altern.

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  2. Ich hatte früher nie Tiere, und vor einem Jahr habe ich durch Krankheit meinen Kater verloren. Das war schlimm. Und wenn ich jetzt daran denke daß meine Hündin vor kurzem noch so jung war und jetzt schon eine weiße Schnauze hat dann schnürt es mir die Luft ab.

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