Spurensuche

Auch wenn das Leben auf Durantis heute recht einsam erscheinen mag: Noch vor 110 Jahren haben im benachbarten Weiler Nogaret, dessen wenige verbliebene Gebäude jetzt nurmehr als Wochenendhäuser genutzt werden, rund 100 Menschen gelebt. Es gab zwei Kneipen und in gut einem Kilometer Entfernung ein Schulhaus, in dessen Obergeschoss, das normalerweise dem Lehrer als Wohnung diente, einer „rural legend“ zufolge die hiesige Prostituierte ihrer Arbeit nachgegangen sein soll.
Der Weg dorthin ist lange verschwunden, die Schule selbst jedoch soll man noch finden können.
„Du gehst einfach bis zur Quelle dieses und jenes Nachbarn und von da aus bergab, bis Du auf Höhe dieses und jenes Hofes bist – den siehst Du ja über das Tal hinweg. Da ist dann irgendwo die Ruine.“
Die Quelle immerhin kenne ich und so machen Oskar und ich uns an einem sonnigen Nachmittag auf den Weg.
Es ist nicht mein erster Versuch, die alte Schule zu finden. Das einstmals sorgsam terrassierte Gelände ist nach sechs Jahrzehnten vollkommen zugewachsen: Heidekraut (das hier nicht bis in Höhe meiner Waden wächst, sondern mir – verholzt und sperrig – teils bis zu den Schultern reicht), stachlige Steineichenschößlinge, brusthoch wachsender Farn, Besenginster und, da es hier viel Wasser gibt, Brombeeren. Unmengen von Brombeeren. Undurchdringliche Dickichte, aber auch einzelne, meterlange Ranken, die aus den Zweigen der Bäume herabhängen, oder wie Fußangeln knapp über dem Boden lauern. Selbst in den alten Kastaniengrundstücken, die zunächst vergleichsweise licht wirken, muss man sich zwischen herabgestürzten Ästen und toten Bäumen hindurchwinden. Vor Kratzwunden und anderen kleinen Verletzungen sollte man sich nicht fürchten, wenn man hier wandern will.
Und so bedeutet „geh einfach bergab“ soviel wie „schlag Dich irgendwie nach unten durch und versuche, die Richtung nicht ganz und gar zu verlieren“.
Mit Oskar habe ich einen exzellenten Pfadfinder an meiner Seite: Wo er keine menschlichen Spuren findet, orientiert er sich an den Wildwechseln. Auch wenn er dabei der Tatsache, dass ich sehr viel größer bin als er, keinerlei Rechnung zu tragen vermag und ich streckenweise hinter ihm her kriechen muss, so kommen wir doch voran.
Dabei einen Punkt in der Landschaft anzuvisieren, ist allerdings fast unmöglich. Kaum hat man sich für eine Richtung entschieden, muss man schon wieder um ein Hindernis herum, wird von einem Bachlauf oder einer Terrassenmauer gebremst, oder findet sich gar auf einem der zahlreichen „Aussichtsfelsen“ wieder, an denen man besser nicht hinunterzuklettern versucht.
Und man müsste besagten Punkt schon sehr genau anvisieren: Die Vegetation ist hier so dicht, dass ich geradewegs in die Ruine hineinstolpern müsste, um sie zu finden.
Mich ficht das nicht an. Ähnlich wie beim Pilzesammeln ist auch bei der Suche nach Ruinen der Weg das Ziel. Jedenfalls empfinde ich das so.
Und so beschließe ich, mir den „Weg“, den wir heute genommen haben, so gut wie möglich zu merken, es ansonsten aber für diesmal gut sein zu lassen.
Schon im Umdrehen begriffen sehe ich in einem Sonnenstrahl einen Haufen Schiefersteine aufleuchten.
Schiefer ist hier allgegenwärtig – Steinhaufen sieht man allerdings nur dort, wo etwas eingestürzt ist! Ich schaue genauer hin und erkenne den Überrest einer freistehenden Mauer.
Einen Moment lang bin ich voller Ehrfurcht. Ich habe sie tatsächlich gefunden!
Dann versuche ich, näher an das Gebäude heranzukommen.
Aber die alte Schule gleicht einem Dornröschenschloß: Weder kann ich die Ruine betreten, noch auch nur um sie herum gehen. Ein einziger Versuch kostet mich mehrere Minuten – schon nach wenigen Schritten verheddere ich mich so sehr in den Brombeerranken, dass ich arge Schwierigkeiten habe, mich wieder zu befreien. Wenn ich das will, werde ich Werkzeug mitbringen müssen …

Für heute ist es genug und ich beschließe, mich auf den Heimweg zu machen.
Den Weg, der mich hergeführt hat, werde ich auch mit Oskars Hilfe schwerlich zurückverfolgen können. Ein Signal „bring mich auf dem selben Weg zurück!“ kennt er nicht (und würde es vermutlich wenig originell finden) – und ich bin sowieso der festen Überzeugung, dass es möglich sein muss, einen etwas komfortableren Weg zu finden.
Das Motto lautet nunmehr „schlag Dich irgendwie nach oben durch!“.
Anders als bei anderen Expeditionen dieser Art besteht keine Gefahr, sich dabei zu verlaufen: Auf dem Hügelkamm befindet sich eine weitere Ruinenanlage, die – im Gegensatz zu der gesuchten – kaum zu verfehlen ist. Von dort aus findet man ohne Schwierigkeiten zum nächsten Wirtschaftsweg.

Ob ich die Schule bei meinem nächsten Besuch auf Anhieb wiederfinde, ist durchaus fraglich. Außer dem besagten „Hof dieses und jenes Nachbarn“ habe ich keinerlei Orientierungspunkte gefunden und etliche Teile des Weges, die gestern noch als Pfad erkennbar waren, werden in wenigen Tagen unter dem Farn verschwunden sein. Natürlich hätte ich das GPS Gerät mitnehmen und die Koordinaten speichern können. Aber abgesehen davon, dass die Kenntnis der richtigen Richtung in der cevenolen Macchie noch lange nicht zum Ziel führt … wo bliebe der Spaß?
Es geht mir ja nicht um das Auffinden, sondern der Reiz besteht sehr viel mehr darin, meine Umgebung so gut zu kennen, dass ich mich in ihr zurechtfinde. Ich muss auch nicht unbedingt in alle Ruinen hinein, es reicht mir, zu wissen, wo sie sind.
Die Rosenschere pack ich beim nächsten Mal trotzdem ein …

Iris

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2 Gedanken zu “Spurensuche

    1. Danke!
      Die Fotos macht normalerweise Bernd – und der ist nicht so ein Wandervogel … 🙂
      Das Bild ist also nicht von der alten Schule, sondern von einer der anderen Ruinen in der Nähe.
      Hier findest Du mehr davon:

      Les ruines aux alentours : Castandel I

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