Sheeptrailing

Oskar ist mit seinen fast 11 Jahren schon sehr viel ruhiger geworden, aber den Arbeitswillen, für den der Australian Shepherd neben seiner Pfiffigkeit ähnlich „berüchtigt“ ist, wie der Border Collie, merkt man ihm immer noch an.
Anfangs habe ich denn auch versucht, ihn wie gewohnt zu beschäftigen: Habe mir alle Mühe gegeben, das steile, terrassierte Gelände, wenn schon nicht für ein weiträumiges, dann doch für ein kreatives Apportiertraining unter Einbeziehung der Treppen in den Terassenmauern zu nutzen. Ich habe nach Kräften die Stangen unserer Agilityhürden in den steinigen Boden gebohrt und mit „Do as I do“ auch noch einmal etwas ganz Neues mit ihm angefangen. Für Schleppen, bei denen eine Beute (in unserem Fall ein Futterbeutel) über den Boden gezogen wird, deren Spur der Hund dann verfolgt, ist das Hofgelände natürlich ideal. Ich muß mich – abgesehen vom Legen der Schleppe – dann lediglich vergewissern, dass keine vagabundierenden Schafe oder Ziegen in der Nähe sind, und die anderen Hunde daran hindern, sich an dem Spiel zu beteiligen. Und so war und ist es leider oft ein „Angang“, weil ich mich jedes Mal aus dem Hofalltag ausklinken muss. Und er muss oft zurückstecken, wenn doch wieder einmal etwas dringlicher ist als die „Hundebespaßung“.

Den Ausweg aus diesem Dilemma hat Oskar mir gewiesen:
Je weniger Zeit ich hatte, ihm etwas „anzubieten“, desto mehr hat er zu verstehen versucht, was unsere Arbeit ist und sich an dieser zu beteiligen.
Bereits bei seiner ersten Kastanienernte erschien ihm „Schalen beiseite schaufeln“ wie Buddeln, also hat er das getan. Später hat er beim Auslegen der Kastaniennetze ebenfalls eine Netzkante ergriffen und nach Kräften daran gezogen. Er hilft mir beim Zerreissen von Pappkartons für den Ofen. Gegenstände wie Spielzeug oder Altpapier in eine Kiste zu verräumen, habe ich ihm irgendwann einmal beigebracht. In der Holzkiste nach Spänen zu suchen und diese herbeizubringen, wenn man den Ofen anzünden möchte, war seine eigene Idee.
„Mitarbeit“ also …

Oskar das Anzeigen der Schafe und Ziegen beizubringen, war schlichte Notwendigkeit …
„Anzeigen“ bedeutet in diesem Falle, dass er, wenn er ein Schaf oder eine Ziege sieht, nicht hin- bzw. hinterherrennt, sondern mir quasi sagt „da ist was!“ und dann zu mir kommt.
Bei Wildspuren haben wir das schon lange so gemacht; nun versuche ich, einzelne Tierarten (beginnend mit „Schaf“) zu benennen. Und tatsächlich „sagt“ er häufig schon „Schaf“ lange bevor ich es auch gesehen habe.
Ihm scheint außerdem – wie auch immer – klar zu sein, wo sie sich aufhalten dürfen und wo sie nichts zu suchen haben. Vermutlich merkt er sich einfach, wo er sie normalerweise anzutreffen pflegt und wo eher nicht. Und natürlich erregt ein einzelnes Schaf seine Aufmerksamkeit, da er sie ja normalerweise alle zusammen sieht.

So kam mir die Idee, ihn bei der Suche nach verlorenen Schafen zur Hilfe zu nehmen.
In Deutschland war Mantrailing, die Suche nach vermissten Personen, unser liebstes Hobby. Beim Mantrailing sucht der Hund eine ganz bestimmte Person anhand ihres Individualgeruches, den er zum Beispiel von einem getragenen Kleidungsstück aufnimmt.
Nun bevorraten wir keine Wollproben unserer Schafe, anhand derer sie sich individuell suchen ließen, aber ich hatte die Hoffnung, Oskar werde das Erlernte auf die neue Situation übertragen.
Als also wieder einmal ein Schaf zu suchen war, habe ich ihm dort, wo ich es in etwa vermutete, sein Suchgeschirr angelegt und mangels antrainierten Signals einfach mal erwartungsfroh geguckt und ermutigende Geräusche gemacht.
Das kennt er: „Wenn mein Mensch unbekannte Worte sagt / Gesten zeigt, dann soll ich überlegen, was ich jetzt wohl mal tun könnte.“
Und tatsächlich hat er den richtigen Schluß gezogen!
Mein Mensch möchte etwas + ich hab mein Suchgeschirr an + hier ist irgendwo ein einzelnes Schaf = Wir gehen da mal hin!

Beim Mantrailing ist es nun so, dass der Mensch erstens lernen muß, seinen Hund zu lesen, an dessen Körpersprache zu erkennen, dass er tatsächlich „auf der Spur ist“ und zweitens, an der Spannung der Suchleine zu merken, wie sicher der Hund sich seiner Sache ist.
Im cevenolen Berggelände dagegen gucke ich eher, wo ich hintrete und wenn ich gerade durch einen Heidekrautbusch robbe, sehe ich Oskar nicht einmal mehr. Anstatt ihm an gespannter Leine zügig zu folgen, hänge ich „langsam, langsam!“ rufend wie ein Klotz an seinem Bein.
Je nachdem, wie das Gelände beschaffen ist, kann ich ihm gar nicht mehr folgen und muss die Suche abbrechen.
Findet er das Schaf, darf er es nicht wie beim Mantrailing durch Vorsitzen anzeigen und sich gebührend feiern lassen, sondern er wird bei Sichtung vorsichtig ausgebremst und dann selbstverständlich aber leiseleise! gelobt und belohnt, bevor ich ihn möglichst ruhig und unauffällig zum Hof zurückführe.
Insgesamt ist unser „Training“ (wenn man unsere Bemühungen denn überhaupt so nennen will) alles andere als seriös: Es gibt keinen kleinschrittigen Trainingsaufbau, kein regelmäßiges Üben, bislang kein Startsignal und auch keine organisierten „leichten Erfolge“, damit der Hund keinen Frust entwickelt. Nur alle paar Wochen mal einen „Realeinsatz“.
Und wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich natürlich nicht, ob wir tatsächlich einem Schaf folgen, oder nicht auch mal einem Wildschwein oder einem Dachs.
Dennoch führen unsere Suchen uns erstaunlich oft zu solchen Löchern im Zaun, an denen Schafwolle im Draht hängt oder ich sehe unterwegs frische Schafköttel. Oft finden wir sie nicht, dafür sind die abzusuchenden Strecken auch häufig viel zu lang, aber ich weiß seitdem sehr viel mehr darüber, wie die Schafe sich auf dem Gelände bewegen.

Begeben sich alle Schafe gleichzeitig auf einen „Ausflug“, suche ich sie normalerweise nicht: Dann ziehen sie gerne einmal rund um die Einzäunung, erklimmen den Hügelkamm und schlendern anschließend durch die Einfahrt wieder auf das Hofgelände, wo sie darauf warten, auf ihre Weide zurückgebracht zu werden.
Diesmal jedoch sind sie eine Woche lang verschwunden und wir machen uns große Sorgen.
Bei einem der Nachbarhöfe haben wir Schafsköttel gefunden und ich beschließe – wider besseres Wissen eigentlich, weil die Spur schon so alt ist – einen Versuch mit Oskar zu machen.
Ich lege ihm sein Suchgeschirr an, deute auf die Köttel und gebe das Signal „riechen“ (das kennt er vom Mantrailing und von der Schleppe), frage etwas dümmlich „Schaf! Wo isses?“ und tatsächlich läuft er zielstrebig los, ich sehe auch mehr als einmal weitere Köttel. Hin und wieder schließt er eine Richtung aus (zeigt mir „hier geht es nicht weiter!“ an) und wendet sich in eine andere. Mehrmals muß ich ihn ermutigen, weiterzusuchen und ich habe Sorge, dass er womöglich nur noch mir zu Gefallen weiterläuft. Das scheint sich zu bestätigen, als er einen Weg zurückverfolgt, den ich neulich bei der Suche allein genommen habe. Da er aber sehr engagiert und munter wirkt, mag ich ihn nicht bremsen und tatsächlich biegt er plötzlich in den Wald ab. Hier bin ich ganz sicher nicht gewesen!
Zielstrebig führt er mich zu einem weiteren, einsam im Wald gelegenen Hof. Hier hatten wir selber auch schon nach den Schafen Ausschau gehalten. Aber diesmal sind sie da!
Ich lasse ihn schauen, belohne ihn leiseleise! und lasse ihn dann abholen damit ich die Schafe nach Hause führen kann.
Er würde mir ohne Zweifel auch hierbei zu helfen versuchen, aber in dieser Frage sind die Schafe strikt anderer Ansicht. Und nach 45 Minuten Suche schläft er vor dem Ofen auch so den Schlaf des Gerechten.
Alles reiner Zufall?
Ich finde es selbst ziemlich unglaublich, dass Oskar nach einer Handvoll eher unorganisierter Versuche begriffen haben soll, was ich von ihm möchte. Tatsache ist allerdings, dass ich diesen Hof, nachdem wir selbst keine Spuren gefunden hatten, kein zweites Mal abgesucht hätte. Er dagegen war da höchst entschieden. Und er hat Recht behalten.

Als die Schafe einige Tage später erneut spurlos verschwunden sind, vermute ich, dass sie Gefallen an der neuen Rundwanderung gefunden haben und gehe mit Oskar direkt zum Nachbarhof.
Ich suche einen Haufen Schafsköttel, der mir recht frisch zu sein scheint, setze ihn an und zunächst lässt sich unsere Suche auch gut an. Dann jedoch zeigt er mir ganz eindeutig ein Negativ (das hat er beim Mantrailing gelernt: Wenn die gesuchte Person an diesem Ort nicht war, oder aber die Spur endet, weil jene z.B. in einen Zug eingestiegen ist, setzt er sich vor mir ab. Er tut das auch, wenn er nicht weiter weiß, oder – nach einer längeren Suche – nicht mehr kann). Ich habe den Eindruck, dass er lieber hangabwärts suchen würde, aber dort kann ich ihm auf keinen Fall folgen, der Hang ist steil und voll von Heidekraut und Brombeeren.
Also lobe ich ihn, nehme ihn aus dem Suchgeschirr und wir laufen einfach so zu dem Hof, wo wir die Schafe beim letzten Mal gefunden haben. Weil ich mir nämlich sicher bin, dass sie dort sind.
Vielleicht hat er doch noch nicht verstanden, was ich von ihm möchte – ich hab’s ihm ja auch schwer genug gemacht. Oder er hat heute einfach keine Lust …
Meine Vermutung war richtig: die Schafe waren bei dem Hof! Mit der Betonung auf „waren“
Mein Hund hatte Recht: „da lang sind sie nicht!“ …
Er möchte nach wie vor den Hang hinunter. Ich nicht.
Ich beschließe, der Bequemlichkeit halber auf dem Wirtschaftsweg nach Hause zu gehen.

oskar_wird_9Oskar ist aufgeregt, scannt eines ums andere Mal den Wald (weswegen ich ihn vorsichtshalber anleine) und hat eine ausgeprägte Stressmimik.
Ich frage mich, ob er tatsächlich verstanden haben kann, dass wir eine Aufgabe hatten und sie nicht bewältigt haben. Ob er frustriert ist. Mir scheint das alles ein bißchen sehr abstrakt zu sein …
Geheimnisse ich womöglich viel zu viel in meinen Hund hinein?

Als wir schon fast wieder am Hof sind, leine ich ihn ab. Hier waren wir eben schon.
Sekunden später schießt er los und ich frage mich im ersten Moment, ob die streunende Katze, die hier lebt, ihn mal wieder zu einer kleinen Hatz gebeten hat.
Er flitzt jedoch nur bis zum höchsten Punkt des Weges, stoppt dann und wendet sich mit einem breiten Hundelachen zu mir um. Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd!
Ich rufe ihn zu mir, belohne ihn und luge dann meinerseits über die Kuppe des Weges: Voilà, ein Schaf!
Im Nachhinein tut es mir leid, dass ich ihn nicht johlend und schenkelklopfend gefeiert habe …
Sie waren tatsächlich alle da!
Er hat die ganze Zeit Recht gehabt und er hat sie für mich gefunden und was kriegt er?
Den üblichen Keks für’s Abrufen.
Leiseleise geflüsterte Versicherungen, dass er der größte Schafsuchhund aller Zeiten ist.
Aber wenn ich mir seinen Gesichtsausdruck in Erinnerung rufe, dieses absolut breite Lachen, dann hab ich den Verdacht, er weiß sehr genau, dass er da einen Spitzenjob gemacht hat.

Iris

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