Schach spielen

Am interessantesten ist eine Schachpartie, wenn man einem in etwa gleichstarken Spieler gegenübersitzt. Wenn beide Seiten ungefähr gleich häufig etwa gleichgroße Fehler machen, sind die Aussichten auf ein abwechslungsreiches und spannendes Spiel günstig. Nun ist das Finden eines solchen Widerparts aber schon unter urbanen Bedingungen nicht einfach möglich und wenn man, wie ich, im Wald lebt, weitgehend ausgeschlossen. Da mag einen das Schachspiel noch so reizen …

Ein alter Bekannter ließ mich via facebook-Post stutzen: Zu sehen war eine Schachstellung, ein Gegner mit Namen, verbrauchte Bedenkzeiten und eine Zahl, die wohl die Spielstärke indizieren sollte – alles im Taschentelefonformat. Eine kurze Nachfrage, ein Schlag vor die Stirn und dann ein wenig Tippselei am Rechner: Schnell waren gleich mehrere Schachportale im Internet gefunden. Erste Versuche, die Figuren auf dem Schachbrett vor sich her zu schubsen, ließen eine dicke Staubschicht auf den ohnehin mit Lücken reichlich versehenen Erinnerungen an jugendliche Bemühungen erkennen.

Ein paar Nebel lichteten sich schnell: Mein Frust als junger Mensch über die ungenügende Entwicklung meines Spiels galt wohl eher zu Unrecht sowohl diesem als auch mir selbst und hätte vielmehr meinem mich eher lähmenden Schachverein gelten sollen. Der war recht klein und unsere wöchentlichen Treffen in einem Durchgang zwischen Kneipe und Kegelbahn sahen den Nachwuchs wohl eher als Zuschauer bei den Hahnenkämpfen unter den Vereinsgranden vor. Ihr aggressives Spiel war von uns gefürchtet und so mancher (mich eingeschlossen) hat viel Zeit damit verbracht, ihren frühen Angriffen z.B. durch intensives Lernen defensiverer Eröffnungen auszuweichen.

Das Ergebnis war recht erwartungsgemäß: Wir wurden nicht mehr gleich überrollt, sondern unsere erfahrenen Brettopponenten bauten sich in aller Seelenruhe eine schöne Ausgangsstellung und warteten halt auf die ersten Unregelmäßigkeiten am Ende unseres eingeübten Eröffnungswissens (oder hilfsweise auf die eintretende Unruhe, weil man fürchtete, das Spiel nicht vor dem zwingend zu erreichenden letzten Bus beenden zu können). Und so wurden wir dann nicht gleich, sondern ein paar Züge später überrollt. Viel Einsatz für wenig Fortschritt.

Zu jener Zeit waren die im Handel zu erwerbenden Schachcomputer gerade so stark, dass sich mit ihnen übungshalber kaum spielen ließ. Hatten sie wenig Bedenkzeit, machten sie lustige Fehler, die von Gegnern im Verein durchaus nicht nachgespielt wurden, stellte man sie auf einen Turniermodus, saß man stundenlang vor dem Computer und bekam kein Bein mehr an den Boden.

Heute lassen sich die Analysecomputer auf Schachplattformen ganz prima nutzen, um alte Fragen neu zu betrachten. Man gibt eine beliebige Stellung ein oder spielt eine Eröffnung durch, und der Computer rechnet eilfertig und fix die drei besten Erwiderungswege aus. Schnell ist (unbeschadet der fortbestehenden kleinen Fehlerquote der Fixrechner) erkannt, wann ein Spiel sich problemlos ruhig entwickelt und in welchen Stellungen es nur eine oder zwei vernünftige Wege und ansonsten Abgründe zu entdecken gibt. Und siehe da, das ganze Säbelrasseln, dessen man sich zu erwehren eifrigst bemüht hatte, erweist sich im wesentlichen als heiße Luft.

Es ist wohl eher so, dass frühes aggressives Spiel vor allem für denjenigen riskant ist, der sein Gegenüber auf diese Weise beeindrucken möchte. Interessant zu beobachten, wie der vor mehr als fünfunddreißig Jahren erworbene Eindruck einer strukturellen Schwäche im eigenen Spiel einen unverändert schwächen kann. In der Auswertung meiner Schnellschachpartien ist’s immer mal wieder so, dass ich die Stärke des sich formierenden gegnerischen Angriffs überschätze und dessen – nicht selten vorhandenen – Konstruktionsmängel nicht erfasse. So hab ich’s damals immer wieder erlebt: Kann sich der Angriff formieren, ist’s fast schon zu spät.

Vor ein paar Tagen war ich mit einer Partie ganz ungewöhnlich zufrieden. Während des Spiels hatte ich den Eindruck, einen kleineren Vorteil ganz ordentlich ausgebaut und in einem mühsamen Endspiel schlussendlich auch zum Sieg geführt zu haben. Die Auswertung ließ einen weniger lineraren Verlauf ganz deutlich erkennen. In meinem Spiel waren zahlreiche Ungenauigkeiten und auch Fehler eingestreut, aber es war recht verlässlich so, dass in diesem Fall mein Gegenüber auf jenem Auge gerade blind war und seine sich immer wieder ergebenden Chancen nicht erkennen konnte. So macht das halt am meisten Spass: Wenn zwei eher gleich schlecht sind (diese kleine Korrektur scheint wohl nötig) und deshalb jeder mal gewinnen kann …

Was bleibt ist ein weiteres Mal die Erfahrung, dass wenn man sich aus dem Leben ein wenig zurückzieht, jenes nicht selten hinterherkommt. Und die nun zu beliebiger Zeit verfügbare Möglichkeit, ein liebes Jugendhobby zu reaktivieren und diesmal dabei nicht einmal in der Woche irgendwo auf einem zugigen Flur, sondern zu passender Zeit und vergleichsweise bequem vor dem heimischen Ofen zu sitzen und bei jeder Partie mit irgendwem aus irgendwo irgendwelche jener Varianten eines Spiels kennenzulernen, das seinen Reiz vermutlich nie verlieren wird.

Bernd

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Im Auge des Springers …

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4 Gedanken zu “Schach spielen

    1. Hi Alice,
      danke für die freundlichen Worte. Von Karriere wird hier altersbedingt langsamer denkend und handelnd wohl nicht mehr die Rede sein können. Aber: Gefühlt ist ja noch der kleinste Fortschritt eine schöne Sache. Und da ist dann doch vielleicht noch „ein bißchen Luft“ nach irgendwo …
      Viel Spaß mit all den anderen Drogen,
      Bernd

      Gefällt 1 Person

  1. Yeeh! Beim lesen hab ich auch direkt wieder Lust auf Schach bekommen. Echt gut geschrieben.
    Empfehlen kann ich die Seite chesstempo.com wegen ihrer Übersichtlichkeit und „Tiefe“ der taktischen Motive und der Rätsel. chess24.com hingegen hat nen gutes Analysetool (die Engine (Stockfish) gibts auch als android-app fürs smartphone: DroidFish ) und viele Hintergrundinfos aus der
    Schachwelt. Leider tummeln sich auf den meisten Schachseiten sehr viele Cheater rum (automatisierte Engine läuft nebenher), also nicht wundern wenn man plötzlich mal in einer Blitzpartie gegen ‚Unbekannt'(gleiche elo) gar kein Land sieht.

    Ich denke nicht, dass ich gegen Dich bestehen kann (kaum Eröffnungswissen, viele Anfängerfehler, wenig Spielerfahrung und nur gegen andere Laien), würde es dann aber gerne mal versuchen. Beim Schach kann man ja sehr leicht auch beim Verlieren Spaß haben, schließlich wird man nur besser wenn man gegen bessere Gegner spielt. 🙂

    Gefällt 1 Person

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