Drogisten

Neben Gästen, Volontären und Urlaubern gibt es noch eine weitere Gruppe von Menschen, die ab und an unser Leben auf dem Hof teilt.
Für mich nenne ich sie Drogisten.

Das ist keineswegs despektierlich gemeint: „Drogist“ war während meines Studiums eine spaßhaft gedachte Bezeichnung für diejenigen von uns, die regelmäßig Drogen konsumierten, die „sich auskannten“.
Die Menschen, die die Drogenklinik in Alès zu uns vermittelt, kennen sich sehr viel besser aus, als gut für sie war und konsumieren wollen sie nie wieder.
Aber einen Namen brauchen sie. „Drogenabhängige“ geht mir quer, weil es den Menschen auf seine Abhängigkeit reduziert. „Drogenabhängiger Mensch“ ist zwar politisch korrekt aber ewigst umständlich und „Drogi“ kann ich erst recht nicht leiden: Nichts, aber auch gar nichts im Leben dieser Menschen scheint mir eine Verniedlichung zu rechtfertigen! „Drogist“ mag doof sein – für mich ist es neutral.
Und um diesen neutralen Standpunkt kämpfe ich zur Zeit noch.

Wir sind eine „famille d’accueil“, eine „Empfangsfamilie“, die Menschen in der Übergangsphase zwischen Entzugsklinik und eigener Wohnung bei sich aufnimmt. Dabei werden sie weiterhin von ihren ErzieherInnen (nicht meine Wortwahl, so nennt man das in Frankreich, sorry!) begleitet und ärztlich sowie psychologisch versorgt. Der Bewegungsspielraum ist sicher größer, als in der Klinik, aber die Empfangsfamilie garantiert eine Grundstruktur: Alltag light sozusagen …

Was mir daran ganz unmittelbar eingeleuchtet hat, ist der Umstand, dass die Wahrscheinlichkeit, hier in einen alten Kumpel aus der Szene reinzurennen, tatsächlich gegen null geht. Wie weit man laufen oder trampen müsste, um diese Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, vermag ich nicht zu sagen. Wie weit es bis zum nächsten Laden ist, in dem man Alkohol und Zigaretten bekommt, weiß ich: Zu Fuß anderthalb bis zwei Stunden. Bei gutem Wetter und wenn man sich auskennt …
Offenbar ist es aber auch der Ort selber, der Menschen hierher zieht. Und die Möglichkeit, körperlich zu arbeiten.
Grundsätzlich sollen die Drogisten ganz einfach an unserem Leben teilnehmen. Mitmachen halt. So gut das eben geht.

Wo da die Schwierigkeiten stecken, wird mir erst nach und nach klar …
Je mehr ich in mich gehe, desto deutlicher wird mir, dass meine Kenntnisse über Drogen und drogenabhängige Menschen sich hauptsächlich aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (falls sich daran noch irgendjemand erinnern kann) speisen. Die Lektüre des einen oder anderen Artikels zum Thema hat das durchaus nicht rausgerissen.
Ich hab gemeint, verstanden zu haben, dass Methadon ehemaligen Heroinabhängigen ein normales Leben ermöglicht. Mit welchen Nebenwirkungen der Methadonkonsum einhergeht, und dass dieser für den Rest des Lebens vorgesehen ist, war mir nicht klar. Hat mich auch nicht interessiert – zugegeben.
Jetzt sehe ich an manchen Tagen einen Menschen vor mir, der mitmachen will, aber heute nicht kann. Weil die Medikamente, welche ihm ein normales Leben ermöglichen sollen, ihn nicht lassen.

Mitglied einer „famille d’accueil“ zu sein, lehrt mich eine Menge über mich selbst.
Sie machen mir Angst, diese Drogisten. Ich versuche, mich damit zu beruhigen, dass die Entzugsklinik schon wissen wird, was sie tut. Dass, wenn es regelmäßig Probleme gäbe, das ganze Projekt längst eingestampft wäre. Dennoch falle ich immer wieder auf meine eigenen Vorurteile herein.
Als einer der Drogisten mich im Garten um mein Taschenmesser bittet, verfalle ich in eine kurze Schockstarre, während mein Gehirn wie rasend arbeitet: „Darf der überhaupt ein Messer haben?“, „Was will der mit dem Messer?“, „Was, wenn der mich angreift?“ …
Dankenswerterweise meldet sich einen Moment später mein Verstand zu Wort: Selbstverständlich filzen wir unsere Gäste nicht! Wenn dieser Mann eine Waffe benötigte, bräuchte er ganz sicher nicht mein fippsiges Taschenmesser … Zudem hat der junge Mann eine Statur, die jedem Türsteher zur Ehre gereichen würde. Wenn der mich angreifen wollte, bräuchte er dazu überhaupt keine Waffe!
Und tatsächlich bekomme ich nach ein paar Minuten mein Messer zurück. Er hat Futter für die Schafe geschnitten und ich schäme mich nach Kräften.

Ein wenig anstrengend ist es schon, einen ganz fremden Menschen in das eigene Leben aufzunehmen.
Grundsätzlich ist das bei den VolontärInnen zwar nicht anders, aber von denen bekommen wir üblicherweise eine Bewerbung, in der sie von sich erzählen: Wer sie sind, wie ihr Leben bisher verlaufen ist, wo sie hinwollen …
Und den Rest der Lebensgeschichte erzählt man sich – gegenseitige Sympathie vorausgesetzt – im Laufe des Zusammenlebens.
Die Drogisten dagegen haben – völlig zu recht! – ein Recht auf Anonymität. Die müssen uns nicht einmal ihren richtigen Namen nennen. Wir nehmen hin, was sie erzählen mögen, stellen keine Fragen und versuchen dennoch, sie in unser Leben zu integrieren.
Sie versuchen das ihrerseits …

Augenscheinlich wird in der Entzugsklinik empfohlen, Interesse an unserem Leben zu signalisieren, indem man Fragen stellt. Anders können wir uns nicht erklären, dass wir bei den Mahlzeiten regelmäßig eine Reihe von offensichtlich vorbereiteten, in der Regel aber vollkommen zusammenhanglosen Fragen beantworten. Nur selten ergibt sich hieraus tatsächlich ein Gespräch, meist wird einfach der Fragenkatalog abgearbeitet und dann herrscht Schweigen. Im günstigsten Falle ist das nur zu Anfang des Aufenthaltes der Fall, schließlich ist der Druck, klarzukommen, nicht unerheblich. Hat man sich ein wenig eingelebt, unterhält man sich einfach – das Interesse an unserem Leben erkennen wir ja sowieso viel eher am Grad der Teilnahme.
Manchmal beginnen die Fragen sich aber auch zu wiederholen. Das passiert, wenn man Fragen stellt, an deren Antwort man nicht wirklich Interesse hat. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass es das Methadon ist (möglicherweise auch solche Substanzen, die vorher konsumiert wurden), welches Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten verursacht. Erfragen können wir das schlecht …
Also beantworten wir gegebenenfalls ein und dieselbe Frage wieder und wieder. Mit alten Menschen ist das ja zuweilen auch nicht anders …

Zum Ende eines jeden Monats wird entschieden, ob der Aufenthalt bei uns weiter andauern wird. Idealerweise so lange, bis es an der Zeit ist, einen weiteren Schritt zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu machen.
Dann sei „clean bleiben“ die größte Herausforderung, hätte ich gedacht, habe mir aber erklären lassen, dass die Gefahr eines Rückfalles wegen des Methadons gar nicht besteht. Die tatsächlichen Probleme scheinen ganz andere zu sein:
Drogisten haben offenbar große Schwierigkeiten, die eigenen Fähigkeiten und Handlungsspielräume realistisch einzuschätzen.
Wenn ich einen Menschen vor mir habe, der so sehr mit motorischen Störungen zu kämpfen hat, dass es ihm manchmal kaum gelingt, sich bei den Mahlzeiten „unfallfrei“ vom Essen zu nehmen, und der nun davon überzeugt ist, er werde problemlos in den Beruf zurückkehren können, den er vor seiner Drogenkarriere ausgeübt hat, dann mag ich das wohl glauben.
Die „Suchtpersönlichkeit“ bliebe unverändert bestehen, heißt es und der Frust, welcher zwangsläufig entstehen muss, wenn die großen Pläne an der Realität zersplittern, muss es schwer machen, die Finger vom Alkohol zu lassen. Dessen Wirkung wiederum ist in Kombination mit Methadon vollkommen unberechenbar.
Vielleicht ist es auch eben dieser Frust, der viele in die Kriminalität zurücktreibt: Solche „Arbeit“ immerhin ist leicht zu finden.
Ein ganz anderes, möglicherweise viel gewichtigeres, Problem scheint mir allerdings darin zu liegen, dass gar kein Interesse besteht, die Drogisten in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen:
„Dies ist Herr B.. Herr B. ist ein Exjunkie, der lange in einer Entzugsklinik untergebracht war und anschließend betreut gewohnt hat. Hätten Sie Herrn B. gerne zum Nachbarn? Arbeitskollegen? Sportkumpel? Würden Sie Ihre Kinder mit seinen spielen lassen?“
Darüber, was nach dem Aufenthalt bei uns aus „unseren“ Drogisten wird, erfahren wir ebenso viel, wie über ihre Vorgeschichte: Nichts.

Iris

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8 Gedanken zu “Drogisten

  1. Das hört sich nicht so an, als ob eine persönliche Beziehung zu dem einen oder anderen entstehen würde – eigentlich schade, da die Drogisten offenbar länger als 14 Tage bei Euch sind. Du beschreibst sie eher als Phantome denn als Besucher 😉
    Hut ab vor dem Angebot an die Entzugsklinik. Es ist sicher auch Risiko, diese unter Umständen sehr labilen Menschen in sein Leben zu lassen. Sind denn immer welche auf dem Hof? Wenn ja, wieviele? Und – was tun sie den ganzen Tag?

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    1. Nun …, meist bleibt es beim Angebot eines begleiteten Alltags. Alles geht seinen Gang und der „Drogist“ kann ausloten, wie umfassend und mit welchen Schwerpunkten er sich da beteiligen mag. Je offener der Umgang wird, desto besser – eine „persönliche Beziehung“ legt die Latte vielleicht ein wenig hoch.
      Unser Risiko scheint mir recht klein zu sein, dafür die Gewissheit groß, fast immer (nicht selten Überraschendes) zu lernen: über sich selbst, über gern geleugnete und doch bewahrte Vorurteile, über die schlummernden Talente der anderen.
      Wir nehmen stets – und auch dies nur für ein paar Monate im Jahr (und das nicht im Sommer) – nur eine Person auf. Die beteiligt sich dann, soweit Motivation und Möglichkeiten reichen, an unseren jahreszeitlichen Aktivitäten, d.h. sie hilft (in aller Regel, ohne selber Maschinen zu bedienen oder anderweitig in größere Gefahr geraten zu können) bei der Landschaftspflege, rund um die Kastanien, bei der Versorgung der Tiere, dem Bau von Trockenmauern, dem Brennholz usw. … Bernd

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    1. Hallo, Alice Wunder!
      Vielen Dank für’s Rebloggen – ich fühle mich geehrt!
      Das, was wir hier tun, als „selbstlos“ zu bezeichnen, finde ich ehrlich gesagt zuviel der Ehre:
      Wir haben hier reichlich Platz, genug Unterbringungsmöglichkeiten und jede Menge Arbeit, an der man sich beteiligen kann.
      Wir tun nicht mehr, als diese Möglichkeiten auch zu nutzen.
      Liebe Grüße
      Iris

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  2. Die „Suchtpersönlichkeit bliebe unverändert bestehen…“ Das klingt so hoffnungslos, das konterkariert Euer großherziges Angebot – und es ärgert mich immer wieder, auch in anderen Zusammenhängen. Es ist das gleiche falsche Mantra wie „unheilbar krank sein“. Ich glaube nicht daran. So lange aber diese Menschen immer mit solchen Glaubenssätzen – direkt oder indirekt – konfrontiert werden, wie soll es ihnen da langfristig besser gehen?

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    1. Danke für den Hinweis!
      An dem Begriff „Suchtpersönlichkeit“ reibe ich mich selber und hätte ihn schon deswegen nicht verwenden sollen.
      Hätte ich über Statistik gesprochen, würde das Ergebnis allerdings ebenso hoffnungslos klingen: Die allermeisten Drogisten schaffen es nicht, wieder Fuß zu fassen.
      Meiner Meinung nach konterkariert das jedoch in keiner Weise unsere Bemühungen.
      Wer – warum auch immer – besonders gefährdet ist, bedarf eines besonderen Schutzes.
      Dass den Drogisten ein solcher Schutz vermutlich noch weniger gewährt wird, als anderen Schutzbedürftigen, kann ich kurzfristig nicht ändern. Ich kann die Welt nicht mal eben zu einer besseren machen.
      Aber ich kann (sch*** auf Suchtpersönlichkeit und Statistik!) jeden Drogisten so aufnehmen, als sei er die Ausnahme von der Regel. Der, der klarkommen wird.
      Und das tun wir.

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  3. Ihr tut mehr als genug!

    Es sind die sogenannten Experten, die mich ärgern, diejenigen, die öffentlich Bewertungen abgeben, Statistiken erstellen etc. die letztendlich nur eines tun: Sie untermauern den status quo.

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