Der kann meine Angst riechen!

„Menschen, die Angst vor Hunden haben, werden häufiger gebissen, als andere, selbst wenn sie noch so selbstbewusst auf den Hund zugehen.“ Über dieses Ergebnis einer „wissenschaftlichen Studie“ zu der Frage, ob Hunde Angst riechen können, habe ich mich so sehr geärgert, dass ich geradewegs vergessen habe, die Quelle zu notieren. Es könnte eine dieser Zeitschriften gewesen sein, die man gratis in seiner Apotheke bekommt …
Das Thema selbst hat mich nicht losgelassen, denn …

„Der riecht, dass ich Angst vor ihm habe, nicht wahr?!“, haben wir in diesem Sommer mehr als einmal von Feriengästen gehört …
Einerseits haben wir uns gewundert, dass Menschen, die Angst vor Hunden haben, Urlaub auf einem Bauernhof machen – zumal wir die Existenz unserer Hofhunde ja keineswegs verschweigen. Andererseits hatten wir … nun ja … nicht bedacht, wie beeindruckend ein aufgeregter Jungpatou zu wirken in der Lage sein könne. Ein Hund, der für uns immer noch „der Kleine“, „Zwuckeldei“, „le bébé“ ist.
In der Tat war Major zunächst völlig außer Fassung: Da kamen nicht nur regelmäßig Fremde auf den Hof, sie drangen auch ohne unsere Begleitung in die Ferienwohnungen ein und spazierten unkontrolliert auf dem Gelände herum! Die Reaktion der beiden „Alten“ – zur Kenntnis nehmen und Siesta fortsetzen – war ihm überdies vollkommen unbegreiflich. Also hat er sich mit Todesverachtung und vor allem lautstark in die Bresche geworfen – zumindest dann, wenn er nicht die Gelegenheit hatte, sich hinter mir zu verstecken, was ihm im Zweifel durchaus lieber war.
Um es vorweg zu nehmen: Natürlich hat er niemandem, selbst nicht dem Ängstlichsten, auch nur ein Härchen gekrümmt und wenn sich die Aufregung auf beiden Seiten erst einmal gelegt hatte, war die Urlaubswelt in Ordnung. Aber der Ausspruch hat mir zu denken gegeben. Diese völlige Selbstverständlichkeit: „Der riecht meine Angst!“.

Hunde riechen es, wenn eine Frau schwanger ist. Sie erschnüffeln Krebszellen, eine drohende Unterzuckerung bei Diabetikern und herannahende epileptische Anfälle. Die Hormonwoge, die durch einen Menschen rauscht, der voller Angst ist, entgeht ihnen selbstverständlich nicht.
Ob sie die Fähigkeit besitzen, das Ansteigen des Stressniveaus als „Angst“ zu identifizieren, vor allem aber, ob sie zu ermessen in der Lage sind, dass sie es sind, die diese Angst auslösen, bleibt meines Wissens noch zu verifizieren.
Aber nehmen wir einmal an, der Hund weiß, dass er es ist, der mir Angst macht.
Wird er mich deswegen angreifen? Hat er womöglich schon den ganzen Tag, sein Leben lang darauf gewartet, dass jemand kommen möge, der Angst vor ihm hat, damit er diesen angreifen kann? Warum sollte er?
Hunde sind keine Psychopathen. Sie zeigen Aggressionsverhalten, wenn sie sich selbst oder eine wichtige Ressource bedroht sehen.
Wenn ein Hofhund mich wütend verbellt, um sein Revier zu verteidigen und ich voller Angst innehalte … dann hat der Hund in diesem Moment erreicht, was er erreichen wollte: Ich dringe nicht weiter vor. Er hat schlicht keinen Grund, mich anzugreifen.
Warum also sollten ängstliche Menschen dennoch häufiger gebissen werden, als solche, die keine Angst vor Hunden haben?
Weil Menschen zum Beispiel dazu neigen, den Auslöser ihrer Angst unentwegt anzustarren. Mir persönlich geht das mit den besonders großen Spinnen so: Sowie ich sie aus den Augen lasse, könnten sie auf mich zurennen. Wenn ich sie unverwandt anstiere, weiß ich wenigstens, wann der „Angriff“ kommt. Die Spinnen scheint das nicht weiter zu stören. Hunde dagegen interpretieren den starren, unverwandten Blick als Drohung (sogenanntes Drohfixieren).
Ein ängstlicher Mensch bewegt sich außerdem steif und hölzern, oder womöglich ganz besonders vorsichtig. Beides – steif werden, aber auch schleichen – gehört unter Hunden zum Drohverhalten.
Auf welchem Mist der Rat gewachsen ist, man möge energisch auf den Hund zugehen, vermag ich nicht zu sagen. Hunde untereinander bevorzugen eine Annäherung im Bogen (sogenannter Beschwichtigungsbogen) – die frontale, womöglich zügige Annäherung wird als provozierend bis aggressiv empfunden.

Ganz unbeeinflusst von tradierten Ratschlägen, aber auch wissenschaftlichen Studien, könnte man sich an dieser Stelle einmal fragen, wie viele Menschen, die keine Angst vor Hunden haben, sich wohl veranlasst sehen könnten, festen Blickes energisch auf diese zuzustampfen …
Na? Genau.
Wenn ich keine Angst habe, werde ich einem Hund weder „fest in die Augen schauen“, noch „energisch auf ihn zugehen“. Weil ich schlicht keinen Grund dazu habe. Ich werde keinerlei Drohgebärden zeigen, nur um den Hund eine Emotion nicht bemerken zu lassen, die er doch – nanu? – sowieso riechen kann.

Was aber tun?
Ich vergebe mir genau nichts, wenn ich angesichts eines aufgeregten Hofhundes zunächst einmal stehen bleibe – ich signalisiere im Gegenteil, dass ich die Botschaft verstanden habe. Man kann also mit mir „reden“.
Ich wende den Blick ab und signalisiere damit, dass ich keinen Ärger will.
Unter Menschen ist das übrigens kein bißchen anders – „wat glotzte so?!“ ist auch hier ein geschätzter Auftakt für körperliche Auseinandersetzungen. Und mal ehrlich: Gehen Sie dann auf Ihr Gegenüber zu, bis sich Ihre Nasen fast berühren, starren ihm in die Augen während Sie Ihre Ärmel hochkrempeln und äußern etwas Unflätiges über seine Mutter? Echt jetzt???
Ich glaube, Sie werden versuchen zu deeskalieren …

Und im Gegensatz zu manchen Menschen pflegen Hunde Streit nicht um des Streites willen zu suchen, will sagen, sie setzen in solchen Momenten eben nicht nach, sondern deeskalieren ebenfalls.
Eine Besucherin hat mich einmal gefragt, ob nicht, wenn sie zurückweiche, der Hund gewonnen habe.
Doch. Ja. Hat er. Und warum auch nicht? Wenn ein Mensch mich seines Grundstückes verweist, insistiere ich ja auch nicht, nur damit der andere nicht gewonnen hat. Schließlich ist es sein Grundstück. Im Falle des Hofhundes ist es Sache des Besitzers, seinem Hund gegebenenfalls zu verdeutlichen, dass ich das Grundstück sehr wohl betreten darf – nicht meine.

Meine Arme hängen entspannt und mit geöffneten Händen herab.
Das fällt schwer, keine Frage, meinen wir doch schon zu spüren, wie der Hund unsere Finger zermalmt. Aber auch diese Geste kennen wir: Ich zeige meine leeren, unbewaffneten Hände. Meine Hand ist nicht etwa wie zum Schlag erhoben. Und es ist auch (und das ist bei den allermeisten Hunden sehr viel wichtiger) nichts Interessantes oder Leckeres darin, wonach es sich zu strecken und zu springen lohnt.
Dem Hund die Hand tatsächlich hinzuhalten, ist dagegen keine gute Idee: Ein Hund, der mich verbellt, fordert Distanz ein, die ich unterschreite, wenn ich meine Hand ausstrecke. Riechen kann er mich auch so. Das Beschnuppern der Hand ist eine Geste freundlicher Kontaktaufnahme und sollte dem Hund überlassen werden. Einen Hund streicheln zu wollen, um zu dokumentieren, dass man friedfertig und wohlgesonnen sei, empfiehlt sich ebenfalls eher nicht: Es ist – genau wie unter Menschen, die einander noch nicht gut kennen – distanzlos und übergriffig.
Durchatmen und Lächeln dagegen können durchaus helfen. Neben Gerüchen sind Hunde höchst empfänglich für menschliche Stimmungen: Wenn es mir gelingt, mich ein wenig zu entspannen, beruhige ich auch den Hund.

Da stehe ich also – mit abgewandtem Blick und hängenden Armen. Und höre aufgeregtes Kläffen nachlassen. Spüre vielleicht eine Nase an meiner Hand.
Wenn ich jetzt einen vorsichtigen Schritt vorwärts mache, wird der Hund mir vermutlich dennoch den Weg verstellen: Das gehört sich so. Bevor ich in die gute Stube marschieren darf, werde ich erst an der Tür nach meinem Begehr gefragt. Ich darf eintreten und meinen Mantel ablegen. Vielleicht erkundigt man sich nach meiner Anreise. Dann wird mir der Weg zum Wohnzimmer gewiesen. Hofhunde machen das nicht wesentlich anders: Man kommt nicht einfach ins Haus gelatscht und knallt sich aufs Sofa!
Ich bewege mich also entspannt, aber langsam und, wenn nötig, auch im Bogen.
Auch wenn die zu Hof und Hund gehörigen Menschen unterdessen idealerweise herbeigeeilt sein sollten, um den Hund aus seiner Verantwortung zu entlassen – es schadet nicht, mich weiterhin höflich zu verhalten.

Ich selber habe keine Angst vor Hunden (sofern sie mir keinen Grund dazu geben), mir wurde jedoch schon oft versichert, dass „der Hund mir nichts tun werde“. Weil die Menschen mir mein beschwichtigendes Verhalten als Angst ausgelegt haben. Tatsächlich war es häufig so, dass es eher der Hund war, der Angst vor mir hatte und dem ich lediglich signalisiert habe, von mir ginge keine Gefahr aus. Ich war einfach nur höflich.
Hunde schätzen Höflichkeit. Ich auch.

Iris

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