Oskar und Major

Oskar muss sehr ernsthaft an meinem Verstand gezweifelt haben, als, nachdem wir Valentina Fundhund „endlich los waren“, gleich ein neuer Welpe auf dem Hof einzog.
Immerhin durfte dieser nicht ins Haus und so hat mein Hund es bei grantelnder Ignoranz belassen, wenn der kleine Nervling ihm draußen begegnete.
Als Major jedoch ein wenig älter war, hatte Oskar ganz ersichtlich Streß in seiner Anwesenheit, was soweit ging, dass er mich nicht mehr bei meinen Gängen auf dem Hofgelände begleiten mochte, wenn der Junghund auch mitzukommen drohte – obwohl dessen Verhalten noch ganz und gar kindlich und arglos war. Als er einmal bereits ins Auto eingestiegen war, um uns auf einer Fahrt zu begleiten und Major sich näherte, hat Oskar zum ersten Mal in seinem Leben im Auto markiert und ich habe lange überlegt, ob ich das nun eher lässig im Sinne von „Kleiner, das ist mein Auto!“ finden, oder als Zeichen größter Verunsicherung deuten sollte.

An diesem Punkt jedenfalls habe ich begonnen, mich zu fragen, ob Oskar wissen kann, dass Major bald in die Pubertät kommen wird, und ob er womöglich befürchtet, mit ihm dann ähnlich üble Erfahrungen zu machen, wie seinerzeit mit Ice und Igor, Victors und Freyas Söhnen.
Diese beiden hatten zwar nur ein einziges Mal Gelegenheit, ihn wirklich ausgiebig zum Gegenstand ihrer pubertären Rüpeleien zu machen, aber dieses eine Mal hat ausgereicht, ihn gründlich zu traumatisieren. Wie ein eingespieltes Team haben sie ihn in die Zange genommen und nicht wieder weggelassen und er hat sich dabei an einer Schiefermauer geschnitten, was ordentlich schmerzhaft gewesen sein dürfte. Die Tatsache, dass ich die Nerven verloren habe, weil es bereits dunkel war und ich nicht einmal sehen konnte, was meinem Hund da zustieß, hat es ganz sicher auch nicht besser gemacht. Danach war er wochenlang nicht dazu zu bewegen, ohne Begleitung auch nur einen einzigen Schritt vor die Tür zu machen. War einer der beiden in der Nähe, mussten wir ihn zu zweit begleiten: Auf meinen Schutz alleine mochte er sich nicht mehr verlassen, was mich ziemlich geschmerzt hat.
Zu allem Überfluß waren die beiden Patous der Meinung, ich sei ihre Bezugsperson. Aus ihrer Sicht war der kleine bunte Hund einfach nur im Weg …
Es hat uns viel Zeit und Management gekostet, trotzdem allen Hunden die nötige Bewegungsfreiheit zu gewähren. Am Ende waren sogar halbwegs entspannte Begegnungen mit jeweils einem der Jungpatous möglich – wie viele Liter Blut und Wasser ich bis dahin geschwitzt habe, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Auf keinen Fall möchte ich das mit Oskar und Major erneut erleben!
Und so beginnt ein neues Hundetraining „Durantis style“
Im ersten Schritt nehme ich die beiden immer dann mit, wenn so hochspannende Aktivitäten wie „Unkraut jäten“ angesagt sind. Die hochsommerliche Hitze tut ein Übriges: Beide liegen dösend im Schatten herum. Und genau das ist der Plan: Der andere ist da und es passiert genau nix Aufregendes. Genaugenommen passiert gar nix. Lang-wei-lig!!!
Im zweiten Schritt dürfen sie mich zum Briefkasten begleiten: Ein Bonsai-Spaziergang, bei dem ich sie gut im Auge behalten kann.
img_20199-webAnfangs macht Major bei diesen Gelegenheiten Spielaufforderungen. Mit weit offenem Rachen über Kopf oder Nacken des anderen beißen (womit er bei Victor durchaus landen kann), trägt ihm allerdings nur ein entnervtes Grummeln ein. „Ergebnisoffenes“ Dienern wird geflissentlich ignoriert. Zu guter letzt versucht er sogar, Rennspiele anzubieten. Oskar tut, als habe er all das nicht bemerkt und startet dann durch: Aussie-Sprint! Major, dessen Extremitäten altersbedingt gerade nicht so recht zueinander passen wollen, hoppelt unbeholfen, aber hochmotiviert hinterher. Oskar dabei zu überholen, gelingt ihm nie. Und sowie dieser stoppt und sich umschaut, reagiert er simultan: Tempo raus und Blick abwenden.
Derlei kommunikatives Kräftemessen kann ich zwischen den beiden häufig beobachten.
Den anderen zu „schnibbeln“ und auszubremsen, ist für beide Rassen typisch – allerdings hat Oskar mit der „was passiert eigentlich, wenn ich das jetzt mache?!“-Phase schon vor Jahren abgeschlossen. Wenn der Junghund, der ihn mittlerweile deutlich überragt, ihn im Laufen zu stoppen versucht, taucht er einfach unter dessen Kopf durch.
Steht Major ihm tatsächlich im Weg, läuft er durchaus einen Bogen – findet dann aber stets etwas, was auf diesem Weg ganz dringend mal angepinkelt werden muß. Nicht dass jemand meint, er sei dem Schnösel aus dem Weg gegangen …
Die Art und Weise, wie die beiden Engstellen passieren, wirft ein interessantes Licht auf diverse Rangordnungstheorien: Seinem Alter gemäß sollte Oskar vorangehen dürfen – dass Major ihm körperlich schon jetzt überlegen ist, hat dieser noch nicht herausgefunden. Tatsächlich aber geht einfach der voran, der gerade die Nase vorn hat, während der andere mit beschwichtigend abgewandtem Blick zurückbleibt.
Mittlerweile werden die gemeinsamen Gänge immer ausgedehnter – die Hunde beschäftigen sich immer weniger miteinander und immer mehr mit dem, was sie gerade für notwendig halten. Sie beginnen sogar, gemeinsame Interessen zu entdecken: Bei den Vorbereitungen zur Kastanienernte (die für die Hunde auch eher langweilig sind) sehe ich sie ganz und gar einträchtig nebeneinander buddeln. Ab und zu werden in schönstem Einvernehmen die Plätze getauscht um zu gucken, was der andere schönes ausgegraben hat. So soll das sein!
Als ich Oskar eines Nachmittages im Schatten des Innenhofes kämme, kommt Major heran und legt sich zu uns – so, wie er es auch tut, wenn bei seinem Ziehvater Victor Fellpflege angesagt ist. Oskar, der Fellpflege nach meinem Eindruck für ein recht intimes Tun hält, bei dem er die Nähe anderer Hunde durchaus nicht schätzt, bleibt zu meiner Überraschung vollkommen entspannt.
So darf das gerne bleiben!

Iris

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