Zwei Jahre

… hab ich mir sagen lassen, dauert es, bis man sich sicher sein kann, dass man wirklich auf einem Bauernhof leben will.
Das erschien mir nicht unlogisch: Im ersten Jahr ist alles noch neu, da geschieht so vieles zum ersten Mal. Im zweiten Jahr beginnen die Dinge, sich zu wiederholen, man stellt sich bei allem, was schwierig oder unangenehm ist, vor „das bleibt jetzt so!“ und erlebt erste Momente der Ernüchterung.
Andererseits: Wer sich eine immerwährende Idylle erträumt, braucht mit Sicherheit keine zwei Jahre um festzustellen, dass das Leben auf dem Land wohl nicht so ganz das Richtige ist …
Meine zwei Jahre, die ich (nach etlichen Probemonaten mit jederzeitiger Heimkehr-Option) als „feste“ Hofbewohnerin auf Durantis verbracht habe, sind heute zu Ende.
Und vor allem anderen bin ich überrascht, wie unfassbar schnell sie vergangen sind …

Ich habe eine Menge gelernt:
Das Geschlecht eines Lammes zu bestimmen, zum Beispiel. Okay, das ist jetzt nicht sooo schwierig: Dass man die Nabelschnur für einen Penis hält und die Zitzen an der Brust des Tieres vermutet, passiert einem ja nur einmal.
Ein Schaf, wenn’s pressiert, von A nach B zu bewegen, indem man beherzt in die Wolle an den Schultern greift, sich rittlings über seinen Rücken stellt und losmarschiert. Die Schafe kennen das und verhalten sich im Allgemeinen kooperativ. Falls nicht, gibt es eine Rodeo-Einlage ungewissen Ausganges.
Ich beginne, Gemüse auch dann zu erkennen, wenn es im Garten steht.
Rosenkohl zum Beispiel hatte ich vorher nur abgepackt gekannt und so habe ich in meinem ersten Winter etliche der Pflanzen anstelle des geschossenen Salates (auch den habe ich hier zum ersten Mal gesehen) an die Ziegen verfüttert. Und meine arglose Frage, ob ich einen Kopf Grünkohl holen solle, hat erhebliche Heiterkeit ausgelöst.
Es ist gar nicht möglich, all diese mehr oder weniger kleinen Dinge aufzuzählen
Und es gibt noch so viel mehr zu lernen!
Dass Zucchini auch männliche Blüten haben, war mir ebenfalls neu gewesen und so fand ich meine Frage, ob die dicken gelben Dinger dann wohl die Früchte der männlichen Blüten wären, neulich gar nicht so dumm. Der Expansionsdrang der Kürbispflanzen im Nachbarbeet war mir schlichtweg entgangen …

schaufeln_1Mein Körper hat sich verändert.
Dass ich im ersten Winter begonnen habe, das Baggerfahren zu erlernen, hat nicht so sehr damit zu tun, davon schon immer geträumt zu haben, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass ich die Schaufel, die ich eigentlich hätte benutzen wollen, nicht mehr gehoben bekam, wenn erstmal Kies darauf war.
Neulich nun, als ich gerade mit Spitzhacke und Schaufel unterwegs war, wurde mir beschieden, ich könne „schippen wie ein Kerl“! Das war dann schon geringfügig übertrieben, hat mich aber gleichwohl sehr gefreut. Und das kleine Beil, das eigens für mich angeschafft wurde, weil ich die große Axt nicht hochheben konnte, benutze ich nun seiner eigentlichen Bestimmung gemäß für feinere Arbeiten.
Wenn ich an mir herunterschaue, sehe ich sonnengebräunte, muskulöse Arme und Beine und mir gefällt, was ich sehe. Voll von Kratzern, blauen Flecken und Insektenstichen sind sie auch, zugegeben … aber mir gefallen sie trotzdem.

Ich genieße die Freiheiten, die dieses Leben mir bietet – auch wenn das paradox klingen mag.
Bauern können in aller Regel nicht von ihrem Hof weg – irgendwas oder wer ist dort immer zu versorgen und ohne eine kompetente und vertrauenswürdige Vertretung will unter Umständen schon ein einziger freier Tag gut überlegt sein – wenn er denn überhaupt möglich ist. Während der Gartensaison, der Urlaubszeit (also die der Menschen, die ihren Urlaub hier verbringen) und der Kastanienernte ist sehr wohl gesetzt, was wann zu tun ist. Und wird dennoch unter Umständen vom Wetter (die hiesigen Gewitter sind durchaus beeindruckend und es gibt tatsächlich eine Wetterlage mit dem Namen „épisode cévenol“, die mit horizontal peitschendem Regen einhergeht) oder vagabundierenden Schafen über den Haufen geworfen. All das, was man sich vorgenommen hat, schafft man sowieso nie … und dieser Umstand macht einen sehr frei, halt mit dem zu beginnen, wozu man gerade Lust verspürt.
Zu meinen liebsten Tätigkeiten gehört übrigens das Aufhängen der Wäsche. Warum? Weil dann immer die Sonne scheint! Während sie mir den Rücken wärmt, schaue ich in knallblauen Himmel und über mir kreisen die Raubvogelpaare, die hier ihre Heimat haben. Wende ich mich um, habe ich – wenn auch leicht geblendet – den freien Blick über die Corniche des Cévennes.

Immer mal wieder werde ich gefragt „Und Du fühlst Dich wohl hier?“.
Und meine immer wieder, ein „noch“, ein „immer noch“ und manchmal ein „tatsächlich“ zu hören …
„Und Du fühlst Dich tatsächlich immer noch wohl hier?“
Als ich noch einen Bürojob in einer Großstadt hatte, hat mich das ulkigerweise nie jemand gefragt …
Aber „ja!“, „doch!“, „jadochja!“: Ich fühle mich tatsächlich immer noch wohl hier!
Tatsächlich empfinde ich dieses Leben als außerordentlich privilegiert: Die Ruhe und Ungestörtheit zum Beispiel. Ja, wir können es hören, wenn beim Nachbarn gearbeitet wird. Wenn er schweres Gerät einsetzt jedenfalls. Sehen können wir einander nicht.
Und die Bewegungsfreiheit, den Raum: Seit geraumer Zeit liebäugele ich mit dem Gedanken, mir einen eigenen Wanderweg anzulegen. Einen Privatweg auf unserem eigenen Gelände. Mit traumhaften Blick und gleichwohl so abgeschieden, dass man ihn nackt begehen könnte, wenn man denn wollte.
Wenn das nicht der schiere Luxus ist, dann weiß ich’s auch nicht …
Auf dem Rückweg vom Garten, wo sich auch nach Feierabend irgendjemand um die Bewässerung kümmern muss, präsentiert sich ein grandioser Sonnenuntergang über dem Mont Aigoual. Gleichzeitig schiebt sich eine dicke weiße Hundenase in meine Hand: Der angehende chien de protection ist auch heute stolz und froh, mich wieder einmal heil nach Hause zu bringen. (Hunde)närrinnen wie mir geht in solchen Momenten das Herz auf!

Ich habe keine Ahnung, ob die „tatsächlich-immer-noch“-Frager diese Sache mit den zwei Jahren kennen. Vermutlich nicht. Vermutlich fragen sie das, weil sie sich tatsächlich nicht vorstellen können, auf Dauer so zu leben. Versteh ich gut.
Wenn mich vorab jemand gefragt hätte, ob ich bereit sei, dauerhaft (auch an gewissen usseligen Wintertagen!) auf ein Badezimmer mit Zentralheizung und Durchlauferhitzer zu verzichten, hätte ich ganz sicher nicht „Hier!“ geschrien. Und wenn ich am Sonntagmorgen gerne ausschlafen möchte und stattdessen ein fröhliches „Mäh!“ aus dem Küchengarten höre – dann wäre ich bis heute lieber woanders. Oder täte jedenfalls so …

Aber wie auch immer: Die ersten beiden Jahre sind überstanden!
Und sie sind gut überstanden. Ich freue mich auf die nächsten!

Iris

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4 Gedanken zu “Zwei Jahre

  1. Mich beschäftigt der Absatz: „All das, was man sich vorgenommen hat, schafft man sowieso nie … und dieser Umstand macht einen sehr frei, halt mit dem zu beginnen, wozu man gerade Lust verspürt.“ — Eigentlich ist es genau dieses Gefühl des „Nie-mit-allem-Fertigwerden“, was mir meinen Alltag oft so mühsam anstatt frei erscheinen lässt…Vielleicht fehlt mir einfach dieser Perspektivwechsel. Werde es mal anders zu denken versuchen.

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  2. Ich hab vor kurzem eine Freundin gesprochen, die aus der Hamburger Innenstadt rausgezogen ist. Sie hat in den Ferien als Kind das Landleben erlebt und geliebt. Sie ist mit 60 Jahren nochmal rausgezogen, hat den Nachbarn klargemacht, dass sie eben nicht eine Stadtmensch mit seltsamen Vorstellungen ist, sondern eigentlich ein Landei.
    Ich bin ein Landei, aber sowas von. Aber ich bin ein Stadtmensch. Ich bin in einem Ort ohne Ortsschild auffgewachsen. Ich lebte in Größstädten jenseits der 500Tausend. Keine Ahnung, was ich bin. Aber mich haben die Landeier immer gefragt, wann ich denn zurück komme, die Stadt könne doch nicht schön sein.
    Das schöne ist, dass niemand Dir sagen kann, welches Leben richtig oder falsch ist. Solange Du Dich wohl fühlst, ist es ein gutes Leben.

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  3. Auch ich habe das Landleben genossen und lieben gelernt. In der Stadt übersieht man leicht die Tiere und die wenig vorhandene Natur. Auf dem Land sind es die einzigen Wegbegleiter und Dinge die bestand haben. Saubere Luft zu Atmen und klares Wasser zu trinken ist ein Privileg der einem in dem Prozess der dort stattfindet kaum auffällt. Erst das Vermissen vergoldet diese Erinnerung.

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