Komfortzone verlassen! Oder lieber doch nicht?

Eigentlich hatten wir uns über etwas ganz anderes unterhalten …
Über Volontäre nämlich, Freiwillige, solche Menschen also, die immer mal wieder für ein paar Wochen oder Monate unser Leben teilen, um gegen Kost und Logis auf dem Hof mitzuarbeiten.
Häufig handelt es sich um StudentInnen, oder solche, die es werden wollen: Erstere müssen Praktika für ihr Studium nachweisen, letztere möchten sie zur Orientierung nutzen, um zu entscheiden, in welche Richtung es denn gehen soll mit dem Studium. Oder mit dem Leben.
Es kommen Menschen her, die ausprobieren möchten, ob der Traum vom Leben auf dem Land tatsächlich trägt, ob das wirklich das Richtige für sie ist und ob Gartenbau noch immer so idyllisch ist, wie sie das aus Besuchen bei der Großmutter in Erinnerung haben. Manche wiederum haben sehr konkrete Vorstellungen und wollen einfach wissen, wie’s geht.
Zu uns kommen auch solche Menschen, die eine Auszeit benötigen, um nach einer Lebenskrise wieder auf die Füße zu kommen – manche von ihnen sind Mitte vierzig (die klassische Midlife Crisis also), andere Anfang zwanzig (die Mid-Midlife Crisis, ein Begriff, mit dem ein Interessent für ein Volontariat unseren Wortschatz bereichert hat) …
Wieder andere sehen den Aufenthalt als Teil eines Sabbaticals: Einfach mal was ganz anderes machen! Und tatsächlich scheint es auch Menschen zu geben, die es erholsam finden, in ihrem Urlaub einfach mal anders zu arbeiten …

Aus manchen Bewerbungen lässt sich die Motivation des Betreffenden sehr klar herauslesen.
Yup … man muss sich bewerben.
Unsere VolontärInnen sind sozusagen Familienmitglieder auf Zeit und auch wenn es auf dem Hof viele Hektar Platz gibt, hocken wir letztlich sehr eng aufeinander. Da möchten wir schon ein bißchen was über die Menschen wissen, die wir da in unser Leben holen.
Manche sind da sehr klar, wie gesagt – bei anderen haken wir nach.
Und staunen eines ums andere Mal: Die schlichte Frage „Was wünschst Du Dir von einem Aufenthalt bei uns?“ scheint für etliche Interessenten eine unüberwindliche Hürde zu sein …
Nicht, dass wir die Antworten so dermaßen kritisch bewerten würden … es kommen keine …
Und so endet die Bewerbung mit der Frage, warum jemand will, was er begehrt.
Wieder andere antworten außerordentlich wortreich und überlassen es uns, zwischen den Zeilen zu forschen.
Und so spekulieren wir gelegentlich, was einen Menschen wohl umtreiben mag, zu uns kommen zu wollen. Bei manchen tun wir das noch, wenn sie schon wieder abgereist sind …

Eigentlich spekulierten wir also gerade mal wieder, als mir die Blogparade „Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!“ von Christine Winter auf http://stille-staerken.de  einfiel.

Vielleicht ist es ja genau das, was manche Menschen hier möchten: Einfach mal ihre Komfortzone verlassen!
Zumindest könnten sie es tun – Gelegenheit gibt es reichlich:
Eine andere als die gewohnte Lebensweise ausprobieren zum Beispiel.
Eine eher minimalistische Infrastruktur in Kauf nehmen: Es gibt weder einen Bäcker um die Ecke, noch einen Supermarkt oder eine Apotheke in fußläufiger Entfernung. Eine Tankstelle, die zur Not alle drei ersetzt, sowieso nicht.
Sich anders ernähren.
Körperlich arbeiten, schwitzen und sich dreckig machen.
Den Rhythmus wechseln: Sich weniger an Pläne, Anweisungen und Gewohnheiten halten und sich stattdessen mehr an dem orientieren, was Jahreszeit, Wetterlage und die manchmal recht unberechenbaren Hoftiere zu tun nahelegen.
Den Kopf frei kriegen und sich auf das konzentrieren, was als nächstes zu tun ist.
Abgeschiedenheit, Stille und Alleinsein ertragen: Die Vorstellung, es sei hier stets eine ganze Gruppe heiterer Freiwilliger am Werke, täuscht nämlich durchaus …
Und ganz konkret auf Komfort verzichten: Wer bei Starkregen rasch mal Pipi muss, begreift schnell und eindringlich, dass eine Toilette im Haus durchaus gehobenen Wohnkomfort darstellen kann …

Eigentlich würde „Ich will einfach mal raus aus meiner Komfortzone!“ sich in einer Bewerbung sehr viel logischer lesen, als „Ich will lernen, wie man Biogemüse anbaut!“ (während eines 14tägigen Aufenthaltes wohlgemerkt) …
Und womöglich würde „Ich wollte einfach mal raus aus meiner Komfortzone!“ das Phänomen erklären, daß gerade solche Menschen, die sich ganz besonders für unsere Lebensweise begeistern und richtig lange bleiben wollen, häufig schon nach wenigen Tagen durch dringliche Umstände nach Hause zurückgerufen werden: Die Komfortzone zu verlassen, ist unter Umständen schwieriger als gedacht. Wenn die Euphorie des Aufbruchs erst einmal abgeklungen ist, kann die Sicherheit des Gewohnten offenbar einen enormen Sog entwickeln.
Das ist dann blöd für uns (ein Teil der Volontariatsidee besteht ja darin, daß wir Unterstützung bei unserer Arbeit bekommen), aber auch traurig für die Betreffenden, finde ich.
Sich aufraffen, auf- oder gar ausbrechen wollen und den neugewonnenen Mut sogleich wieder verlieren, dürfte eine Erfahrung sein, die die meisten Menschen sich kein zweites Mal antun mögen …
Vermutlich bloggen sie auch nicht darüber.

Kastanien_im_NetzAlso lieber doch nicht raus aus der Komfortzone?
Doch! Auf jeden Fall!
Aber vielleicht mit gedrosselter Euphorie und in kleinen Schritten statt in langen Sätzen. Zumindest bei den ersten Ausflügen.
Man kann zwar durchaus, muss sich aber nicht gleich monatelang in das Unternehmen „Leben auf Durantis“ stürzen. Über Menschen, die einfach ein paar Wochen bei der Kastanienernte helfen, freuen wir uns ebenso sehr.

Iris

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2 Gedanken zu “Komfortzone verlassen! Oder lieber doch nicht?

  1. Volontariate oder Praktika haben genau den Zweck herauszufinden, ob die eigene Vorstellung von etwas mit der Realität übereinstimmen. Wer schnell erkennt, dass Vorstellung und Realität sehr verschieden sind und dann den Abbruch wagt, statt etwas freiwillig „falsch“ gewähltes durchzuziehen, sorgt wohl doch auch gut für sich.
    Das ist natürlich blöd für jene, die über die Vergabe von Volontariatsplätzen kostengünstige Arbeitskräfte generieren wollen. Auch kann es die innere Komfortzone empfindlich berühren, wenn die eigenen Werte und Ideale mit einer Quasiflucht davon weg abgelehnt werden.

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  2. Danke für diesen Beitrag zur Blogparade, der mir einen weiteren Aspekt des Komfortzonenerweiterungs-Themas bewusst gemacht hat.
    Ich sag’s mal so: „Wem verlange ich eigentlich ab, dass er meine Ausflüge aus meiner Komfortzone mitträgt (ohne dass ich frage, ob das auch für ihn passt)?“
    Ich werde dran denken, wenn ich mal wieder Lust habe, mich in ein Abenteuer zu stürzen. 🙂

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