Die Sache mit dem Gleichgewicht

Es gibt in verschiedenen Erdteilen miteinander nicht verwandte Arten von Esskastanien und bereits seit Jahrzehnten die Idee, sie zum ein oder anderen Zwecke aufeinander zu veredeln, um so neue Sorten zu gerieren. Ursprünglich schickte man zu diesem Behufe Stecklinge der einen Sorte dahin, wo die andere bereits wuchs. Vor ungefähr fünfzehn Jahren hatten ein paar Kastanienbauern eine noch „modernere“ Idee: Sie ließen sich bereits veredelte Bäume aus Asien liefern, um so die Wartezeit bis zur ersten Ernte zu verkürzen. Mit im Gepäck: die Kastaniengallwespe (Dryocosmus kuriphilus).

Ihr Leben ist von bescheidenem Reiz: Sie wird geboren, legt rund 100 Eier in Blattachsen und Fruchansätze von Edelkastanien und verstirbt am Ende dieses Lebenswerkes. Für sie war der Export folgenlos. Vermutlich hat sie ohnehin keine Kenntnis davon, dass „normalerweise“ stets zu dem Zeitpunkt, an dem sich ihre Larven in den Gallen entwickeln (und dabei die Entwicklung des Kastanienbaumes reichlich stören), die parasitär lebende Wespe Torymus sinensis kommt und ihrerseits Eier in die Gallen legt. Diese entwickeln sich schneller als jene der Kastaniengallwespe, die indes als Futter fest eingeplant sind. Ist der Vorrat selbstwachsenden Futters einmal verspeist, überwintert des Kastanienbauers parasitärer Freund in der eroberten Galle. Das Spiel endete – bislang – unspektakulär und verlässlich unentschieden. Beide Insekten und auch der asiatische Kastanienanbau kommen recht problemlos klar.

Ohne ihren „Gegenspieler“ konnte sich die Kastaniengallwespe zunächst in Italien recht unbemerkt vermehren. Heute ist sie in allen europäischen Kastanienanbaugebieten präsent und richtet nun durchaus erhebliche Schäden an den befallenen Bäumen an. Voriges Jahr sah ich die ersten verlassenen Gallen, heuer entwickeln sich diese an praktisch jedem Baum. Einzig wirkungsvolle Gegenmaßnahme: der nachholende Import des Torymus, seine Zucht und sein gezieltes Aussetzen auf im zweiten Jahr befallenen Bäumen. Die Zucht organisieren Techniker der Region, das Aussetzen geschah im vergangenen Jahr erstmals auch in St-Germain-de-Calberte und in dieser Woche nun hier auf dem Hof (Foto eines männlichen Torymus bei seiner Kunstlandung auf einem Kastanienblatt).

Die Artenvielfalt ist um rund zweihundert Neuankömmlinge einer winzigen Insektenart reicher. Gerne bin ich geneigt zu glauben, dass dies mittelfristig im Sinne einer Schadensbegrenzung erfolgreich sein kann. Allerdings zwickt mich ein Gedanke: Wenn das Aussetzen von ein paar Insekten mehrere Hektar Kastanien schützen kann, wie irrsinnig ist dann die alltägliche, unkontrollierte und nicht dokumentierte Insektenvernichtung …

Bernd

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